Kolumne 7: Alle gleich

Kürzlich sass ich wieder einmal im Flugzeug nach Belgrad. Ein wunderbarer Flug über den Wolken. Wie Watte erschienen sie unter uns. Einige wenige brausten sich auf, bildeten kleine, weiche Berge die versuchten, kurze, neblige Schatten zu werfen. Ein traumhaftes Bild.

Über uns nichts als blauer Himmel und die Sonne, die wir hinter uns liessen. Wir flogen nämlich dem Abend entgegen. Eine traumhafte Stimmung in mir. 99 Mitpassagiere und ein Hund. Alle sassen wir zufrieden sinnierend oder schlafend ruhig in unsern engen Stühlen. Plötzlich wurde mir bewusst, dass wir eine Schicksalsgemeinschaft ohne Unterschiede sind. Jeder hatte gleich viel Platz. Keiner eine Chance zu entkommen. Würde das Flugzeug abstürzen wären erst recht alle gleich. Keiner könnte sein Geld, seine Beziehungen, seine Bedeutung oder Verdienste ins Spiel bringen. Nicht die geringste Chance, sich in Vorteil zu bringen. Die Hintersten und die Vordersten, die Crew und der Hund, alle wären genau gleich – verloren.

In Belgrad besuchten wir das Grab eines gemeinsamen Freundes aus Flühli. Wir wollten ihm nachträglich und privat die letzte Ehre erweisen. Die kleine Gruppe scharte sich um sein serbisches Familiengrab. Vorerst wurde noch geredet und kurze Gemeinsamkeiten ausgetauscht. Die einen zündeten eine Kerze an, andere legten ein Blümchen aufs Grab. Plötzlich wurden wir alle ganz ruhig. Eine sehr spezielle Stimmung. Da standen fünf Schweizer still sinnierend am Grabe ihres einstigen Freundes auf einem riesengrossen Friedhof mitten im pulsierenden Belgrad. Jeder hat wohl für sich allein an die verschiedensten gemeinsamen Erlebnisse gedacht. Vielleicht auch daran, dass wir dereinst das unausweichliche gleiche Schicksal erleben werden. Keiner wird sein Geld, seine Beziehungen, seine Bedeutung oder Verdienste mitnehmen, bzw. ins Spiel bringen können.

Zusammen mit meinen Gedanken beim Hinflug wurde mir bewusst, dass wir Menschen nur gerade unmittelbar auf der dünnen Erdkruste meinen, wir seien alle spezielle Individuen, verdienstvolle Zeitgenossen, Bessere und weniger Bessere, Reiche oder Arme, Intelligente oder weniger mit Schulwissen Belastete usw. Über der Erde und unter ihr sind wir aber alle gleich.