Heimat ist kein Museum

Übergabe Wakkerpreis 2003 des Schweizer Heimatschutzes an die Stadt Sursee

Heimat ist kein Museum

Ansprache von Regierungsrat Dr. Anton Schwingruber , Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern

Die Gestaltung der Ortskerne fordert uns alle heraus

Verehrte Gäste, Liebe Surseerinnen und Surseer

Mit Wonne stimme ich hier auf diesem weiten, weltoffenen Platz in den vielstimmigen Lobgesang auf Sursee ein. Denn wir haben wirklich Grund zur Freude: Die heimliche Hauptstadt der Luzerner Landschaft hat als erste Gemeinde im Kanton Luzern und als zweite Gemeinde der Innerschweiz den begehrten Wakkerpreis erhalten. Ich gratuliere der Stadt Sursee und ihren Bürgerinnen und Bürgern sehr herzlich zu dieser Auszeichnung. Sie beruht auf einer weitsichtigen und kontinuierlichen Stadtentwicklungspolitik. Dafür hat sich Sursee seit rund 30 Jahren in Planungsprozessen, Baumassnahmen und Öffentlichkeitsarbeit vorbildlich engagiert. Auch wenn nicht alle Initiativen und Bemühungen zu einem vollen Erfolg geführt haben, ist das erreichte Zwischenresultat doch eindrücklich – so eindrücklich, dass es von einer wichtigen schweizerischen Organisation ausgezeichnet und landesweit in den Medien anerkannt wird. Dass zu dieser beispielhaften Entwicklung auch der Kanton und im besondern, mit Claus Niederberger, unsere kantonale Denkmalpflege massgeblich beitragen konnte, verstärkt noch mein Hochgefühl.

Stadt und Demokratie

„Wir vereinigen in uns die Sorge um unser Haus und um unsere Stadt. Wenn wir auch verschiedenartigen Tätigkeiten zugewandt sind, so ist doch in den Dingen der Stadt keiner ohne Urteil. Bei uns heisst einer, der an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt, nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter.“

Das hat vor rund 2400 Jahren der griechische Staatsmann Perikles gesagt. Sein weises Wort beruht auf der Erkenntnis, dass Veränderung und Entwicklung in Landschaft und Siedlung eine demokratische Gesellschaft herausfordern. Sie stellen das Gemeinwesen vor eine Aufgabe, die ganzheitlich angegangen und gemeinsam gelöst werden muss. Hier haben nicht primär potente Einzelinteressen, sondern das Zusammenwirken von gemeinschaftlichen Interessen den Vorrang. Wir erleben im Alltag immer wieder, wie hartnäckig sich Einzelinteressen zu Lasten des Gemeinwohls durchsetzen. Als Bürgerinnen und Bürger eines demokratischen Staates haben wir deshalb die Pflicht, Veränderungen aufmerksam zu verfolgen, uns mit möglichen Alternativen auseinanderzusetzen und die öffentlichen Interessen beharrlich zu verteidigen. Das gilt ganz speziell für unsere Ortskerne.

Ein vernachlässigtes Stiefkind

Unsere Ortskerne bieten besondere Chancen für fachlich fundierte und bürgernahe Gestaltungsprozesse, weil es da nicht um abstrakte Prinzipien oder Theorien geht, sondern um handfeste Stadt- oder Dorfwirklichkeit. Leider werden diese Möglichkeiten selten wahrgenommen. Vergleichen wir alte Fotoaufnahmen, so stellen wir fest, dass unsere alten Ortskerne in den letzten Jahrzehnten vielfach an Wohn- und Gestaltungsqualität verloren haben. Immer wieder wurden neue Einzeleingriffe in die Strukturen unserer Ortskerne ausgeführt, ohne dass sich die Auftraggeber, die Planer und Gestalter mit der Geschichte eines Ortes auseinandergesetzt und daraus eine fundierte Gestaltungsidee für eine gesellschaftlich sinnvolle Entwicklung erarbeitet haben. Unsere Ortskerne in Stadt und Land, ihre Eigenarten und Qualitäten, ihre räumlichen Beziehungen und Ordnungen werden durch eine Vielfalt von gewichtigen Sachzwängen schrittweise verändert und dabei meist auch abgewertet. Sie sind dadurch in den letzten Jahrzehnten vielfach zu einem vernachlässigten Stiefkind geworden.

Mögliche Alternativen

Was können wir tun, um die Entwicklung unserer Ortskerne in unsern Siedlungen wirkungsvoller zu erhalten und gestalten? Meine Überlegungen dazu lege ich Ihnen in vier Thesen vor:

1. Der Ortskern ist ein menschlicher Lebensraum

Ortskerne haben vor allem ein Lebensraum für Menschen zu sein und deshalb der Vielfalt von sozialen und räumlichen Bedürfnissen der Ortsbewohnern gerecht zu werden und so eine Vielfalt von Funktionen zu erfüllen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn die Gesamtentwicklung und die Gesamtgestaltung als öffentlicher Raum im Vordergrund stehen und nicht primär die Bedürfnisse des motorisierten Verkehrs. Verkehrsmassnahmen und Strassensanierungen haben deshalb die Eigenarten eines Ortes zu respektieren und sinnvoll zu ergänzen. Ein Miteinander funktioniert nur, wenn der Massstab sich an den Möglichkeiten des Schwächeren – Kinder, alte Leute, Fussgänger, Velofahrer usw. – orientiert. Deshalb haben sich im Ortskern auch die Verkehrsmassstäbe an den Möglichkeiten des wohnenden, gehenden und verweilenden Menschen zu orientieren.

In unsern Siedlungen ist der Ortskern mit dem öffentlichen Raum eine Art „Stube“ und die privaten Gebäude sind einzelne individuelle Kammern. Durchgangsverkehr ist auch in Ortskernen oft unvermeidlich. Das Recht des Durchfahrens soll hier jedoch ein Gastrecht sein. Ein Durchfahrer hat sich demzufolge in jedem Ortskern, d.h. in der Stube eines Ortes, wie ein Gast rücksichtsvoll zu benehmen. Pflicht der Behörden, der Verwaltung und der Planer ist es, ein gastliches Verhalten mit Verkehrsmassnahmen jeder Art gezielt zu fördern.

2. Der Ortskern ist eine kulturelle Aufgabe

Ortskerne sind ähnlich einem verschlossenen Buch, von dem wir zwar die äussere Hülle sehen, aber zunächst den eigentlichen Werkinhalt nicht erfassen können. Von der Vielfalt der unverwechselbaren Eigenarten an Baustruktur und Bausubstanz eines Ortskernes, seiner Entwicklung und Geschichte sind uns nur vereinzelte Fragmente der gebauten Kulturschichten bekannt. Neu zu lösende Aufgabenstellungen erfordern von allen Beteiligten, insbesondere den beauftragten Fachleuten, Respekt und Verantwortung für eine grösstmögliche Schonung der Kulturschichten, den Willen zu ganzheitlichem Denken und die Fähigkeit der phantasievollen Thematisierung und Weiterentwicklung. Wir können in unsern Ortskernen die kulturelle Qualität unserer baulichen Leistungen an den Werken der Vergangenheit messen, denn die Gegenwart ist das Werk der Geschichte. Das Gesicht und die Identität eines Ortes sind von der Geschichte geprägt, sie prägen ihrerseits den Ort und seine Bewohner und stehen in einer wechselseitigen Beziehung zueinander.

3. Ortskerngestaltung ist ein fachlicher Auftrag

Wenn wir ernstlich krank sind, gehen wir zum Arzt. Er macht eine gründliche Untersuchung und daraus Vorschläge für geeignete Heilungsmassnahmen. In der Regel befolgen wir seine Ratschläge und Massnahmen. Ähnlich ist es mit dem lädierten Zustand unserer Ortskerne. Sie leiden an komplexen Struktur-, Nutzungs- und Bauproblemen. Auch hier sind wir auf wirkungsvolle Massnahmen der Untersuchung, der Heilung und Reaktivierung von kompetenten Fachleuten für eine fundierte Erhaltung und Gestaltung angewiesen. Die sorgfältige Wahl der beauftragten Fachleute, speziell des projektierenden Architekten, ist entscheidend für ein qualitätsvolles Resultat einer baulichen Sanierungsaufgabe. Für grössere oder besonders heikle Bauaufgaben haben sich Studienaufträge oder Projektwettbewerbe unter mehreren qualifizierten Architekten als geeignetes Planungsverfahren bewährt. Die Praxis zeigt aber, dass in unsern Gemeinden das Verständnis dafür nicht immer vorhanden ist.

4. Ortskerngestaltung ist ein politischer Auftrag

Behörden, Verwaltung und Fachleute können in einer Demokratie nicht für Menschen eines Ortes planen, wenn sie ohne die Bürgerschaft planen. Mitplanen und Mitgestalten am öffentlichen Lebensraum erfordert neue Formen des demokratischen Mitentscheidens durch die Bürgerschaft. Dies verlangt für Planung und Information mehr bürgernahe Anstrengungen. Je breiter Zielvorstellungen und Projektvorlagen fachlich und öffentlich getragen werden, umso leichter lassen sie sich verwirklichen. Solche Planungen erfordern Fachwissen, Gemeinschaftssinn, fachliche Sorgfalt und Phantasie sowie neue Formen der interdisziplinären Zusammenarbeit aller Beteiligten. Dazu gehören die Bereitschaft zu differenzierten und qualitätvollen Projektierungsverfahren, der Beizug von qualifizierten Fachleuten sowie der Einbezug der Bürgerschaft.

Ortskerngestaltung, so verstanden, bezieht gesellschaftliche, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Gesichtspunkte ein. Gefragt sind kompetente Fachleute sowie politische und rechtliche Instrumente, die geeignet sind, Qualität zu garantieren. Leider fehlt in vielen Köpfen und in vielen Gemeinden noch immer dieses Bewusstsein für Qualität. Ebenso vermisse ich in der Tagespolitik manchmal das Verständnis dafür, dass unsere Gesetze zur Wahrung der Gesamtinteressen eine Kompetenzordnung und Verfahrensregeln festlegen müssen, die von allen, auch von Regierung und Parlament zu respektieren sind.

Sursee hat die Chance genutzt

Die kultur- und bauhistorisch bedeutenden Ortskerne in unserer Region sind eine besondere Chance, nach Antworten für eine sinnvolle Gesamtentwicklung zu suchen. Die dafür notwendigen Verfahren und ihre Umsetzung erfordern Ausdauer über Jahre und zeigen erst in der Folge sichtbare Resultate. Sursee hat diese anspruchsvolle Herausforderung beispielhaft als Chance wahrgenommen und für diese anspruchsvollen Zielsetzungen ein ganzes Paket von Massnahmen nicht nur ausarbeiten lassen, sondern auch schrittweise realisiert. Dafür danke ich heute im Namen von Regierung und Kanton allen, die sich in irgendeiner Form an diesem grossen Werk konstruktiv beteiligt haben.

Heimat immer wieder neu schaffen

Damit hat Sursee Heimat geschaffen. Heimat entsteht ja nicht dadurch, dass wir durch unser Dorf oder unsere Stadt laufen und uns an den bekannten Bildern erfreuen. Sie entsteht erst, wenn wir selbst ein Teil des kulturellen Prozesses werden und uns für unsere Ortskerne engagieren, als Bürger und Bürgerinnen und als Fachleute. Heimat ist kein Museum. Das Beispiel Sursee beweist, dass nicht rein museale Erhaltung, sondern gestaltete Entwicklung unser Ziel sein muss. Das alte Landstädtchen hat sich in den letzten Jahrzehnten zum modernen Regional- und Geschäftszentrum gewandelt. Ganz neue und innovative Unternehmungen sind hier heimisch geworden. Sursee ist überdies zu einem wichtigen Schul- und Berufsbildungszentrum herangewachsen. Offenbar hat gerade diese Spannung zwischen Geschichte und Gegenwart nicht nur Konflikte gebracht, sondern auch schöpferische Kräfte frei gemacht.

In keiner Stadt sind alle heiklen Nahtstellen gelöst, auch in Sursee nicht. Überzeugende Lösungen für die aktuellen städtebaulichen Aufgabenstellungen, wie die Sanierung des Gebietes am Obertor, die Gesamtrestaurierung und Neunutzung des St. Urbanhofes und die Flächensanierungen in den Arealen der Ofenfabrik und in Mariazell, werden von der Stadt Sursee neue Anstrengungen abfordern. Aber ich bin zuversichtlich, dass der Stadtrat und die Bürgerschaft von Sursee – erprobt durch die erbrachten Leistungen und gestärkt durch die öffentliche Auszeichnung – auch diese Probleme im öffentlichen Interesse und nach der Devise des Perikles positiv lösen werden:

„Wir vereinigen in uns die Sorge um unser Haus und um unsere Stadt. Wenn wir auch verschiedenartigen Tätigkeiten zugewandt sind, so ist doch in den Dingen der Stadt keiner ohne Urteil. Bei uns heisst einer, der an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt, nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter.“

In diesem Sinne ist der Wakkerpreis auch eine Verpflichtung für die Zukunft.

Dr. Anton Schwingruber, Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern