Einübung in die Demokratie

Begrüssungsansprache anlässlich der Tagung „Demokratie ist lernbar“ 2. / 3. Oktober 2003

Einübung in die Demokratie

Wider den „politischen Analphabetismus“

Begrüssungsansprache von Regierungsrat Dr. Anton Schwingruber, anlässlich der Tagung „Demokratie ist lernbar“, Luzern, 2. / 3. Oktober 2003

Sind junge Menschen a-politisch? „Ich dürfte jetzt abstimmen, aber irgendwie erreichen mich diese Themen gar nicht“, gab kürzlich eine 18-jährige, mündige Schweizerin in einer Umfrage zu Protokoll und fuhr fort: „Es müssten wahrscheinlich zuerst die politischen Themen geändert werden, damit sich mehr Jugendliche damit auseinander setzen würden.“

Die Themen sind inzwischen geändert worden: Im Irak herrschte Krieg und herrschen immer noch kriegsähnliche Zustände. Seither hat laut Berichten von Lehrerinnen und Lehrern der mittleren Stufen das Interesse ihrer Schülerinnen und Schülern an der Politik sprunghaft zugenommen. Viele von ihnen sind aus der Lethargie aufgewacht, einige haben sich sogar zum politischen Handeln aufgerafft. Braucht es also einen Krieg, damit Politik interessant und Demokratie wieder ein Thema wird?

Die Frage mag zynisch anmuten. Doch Zynismus liegt mir nicht. Ich ziehe es vor, die Lage realistisch einzuschätzen. Zwei Gedanken dazu:

– Erstens ist es ein Vorrecht der Jugend, von Schonfristen Gebrauch zu machen. Ich interpretiere deshalb nicht schon jedes Desinteresse, jede Trägheit oder innere Distanzierung eines Jugendlichen bereits als dauerhafte Abwendung vom politischen Leben. In meinen Augen ist unsere Jugend auch in dieser Hinsicht kein hoffnungsloser Fall.

– Und zweitens muss ich einräumen, dass wir Politikerinnen und Politiker es oft schlecht verstehen, die Relevanz unserer Themen sichtbar und spürbar zu machen. Unsere ausgeklügelten Rechtssysteme, unsere von Experten untermauerten und von Bürokraten hochgezogenen Gedankengebäude wirken auf junge Menschen wenig einladend. Das politische Leben ist kompliziert geworden, und es riecht nach Routine. Zwar versuchen manche Medien, der Blutarmut mit Fun, Emotionen und Sensationen entgegen zu wirken. Diese Masche scheint indessen bei den Jungen nicht zu verfangen.

Verstehen sie mich richtig! Ich habe nicht die Absicht, die Situation zu verharmlosen oder die Selbstgenügsamkeit vieler Jugendlicher in politischen Dingen pauschal zu entschuldigen. Dass es laut einer jüngsten Studie um die Kenntnisse der jungen Schweizer in Staats- und Gesellschaftskunde im internationalen Vergleich ziemlich schlecht steht, tut mir persönlich weh, da ich ein durch und durch politischer Mensch bin. Kenner der Szene begründen den unerfreulichen Befund unter anderem damit, dass „die politische Bildung in den Schweizer Schulen eine Randposition einnimmt“ (Prof. Urs Altermatt, Rektor der Universität Freiburg). Zu der von PISA diagnostizierten Leseschwäche unserer Jugend kommt jetzt also noch der „politische Analphabetismus“ hinzu. Dem helvetischen Bildungswesen bleibt derzeit aber auch gar nichts erspart!

Damit bewegen wir uns, sehr geehrte Damen und Herren, wirklich mitten in Ihrem Thema. Wäre es jetzt nicht angebracht, vor Ihnen all die Anstrengungen, Projekte und Initiativen auszubreiten, die unser Kanton zur Verbesserung der „demokratischen Bildung“ bereits realisiert hat oder auf der Pendenzenliste führt? Ich widerstehe dieser Versuchung und überlasse es Ihnen als Fachleuten, unsere Taten zu begutachten und aufzuzeigen, was in Zukunft noch besser und intensiver getan werden muss.

Es stimmt: Demokratie ist lernbar – doch fassen wir dabei das „Lernen“ nicht zu eng auf! Denken wir nicht nur an zusätzliche Lektionen, neue Lehrmittel und überforderte Lehrkräfte! Demokratie ist lernbar, wenn sie auch erlebbar und erfahrbar ist. Deshalb benötigt politische Bildung

  1. Anschauungsunterricht
  2. das persönliche Beispiel der Lehrpersonen und
  3. die praktische Einübung in die Demokratie.

An sehr greifbaren Objekten für den Anschauungsunterricht fehlt es bei uns nicht. Das neue Luzerner Kultur- und Kongresszentrum KKL, ein Aufsehen erregender, fantastischer Bau des französischen Architekten Jean Nouvel, konnte erst realisiert werden, nachdem das Projekt mehrere Referendumshürden gemeistert hatte. Die Universität Luzern, die jüngste in der Schweiz, verdankt ihre Gründung einem klaren Volksentscheid. Müssten solche Beispiele junge, bildungs- und kulturhungrige Menschen nicht geradezu elektrisieren und definitiv auf die Seite der Politik bringen?

Ich überspringe hier das persönliche Beispiel der Lehrerinnen und Lehrer, weil ich nicht moralisieren mag. Ich meine damit übrigens nicht, dass nur jene erfolgreich politische Bildung betreiben können, die selber politisieren. Aber ich denke, dass es auch für diesen Stoff Glaubwürdigkeit und etwas vom inneren Feuer braucht, damit sich die jungen Leute für Demokratie erwärmen können.

Es bleibt als Drittes die praktische Einübung in die Demokratie. „Learning by doing“, das gilt auch bei der politischen Bildung. In den Schulen selber bieten sich viele Gelegenheiten, demokratische Prozesse zu erproben. In unserer Region spielen zudem die Vereine, Sportklubs und Jugendorganisationen eine wichtige Rolle – nicht nur als gesellschaftliche Treffpunkte, sondern auch als politisch-demokratische Übungsfelder. Unterschätzen wir diese Möglichkeiten nicht! Sie sind zwar nicht spektakulär, dafür aber lebensnah und allen zugänglich. Deshalb verdienen sie unsere Förderung.

Wir alle sind überzeugt vom Wert der Demokratie, und wir sind entschlossen, sie den nachwachsenden Generationen weiterzugeben. Sie, sehr geehrte Damen und Herren, suchen nach Mitteln und Wegen, damit künftig diese Weitergabe noch besser gelingen wird. Ich danke Ihnen für Ihr Engagement und wünsche Ihnen eine erfolgreiche Tagung und überdies einen angenehmen Aufenthalt in unserer schönen Stadt Luzern.

Dr. Anton Schwingruber, Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern