Tag der aufgeschlossenen Volkschulen

Interview in der „Surseer Woche“ vom 20. November 2003

Tag der aufgeschlossenen Volkschulen

„Die Schule muss mit gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Veränderungen Schritt halten“

Bildungsdirektor Anton Schwingruber zum Tag der aufgeschlossenen Volksschulen

Anton Schwingruber, was versprechen Sie sich vom Tag der aufgeschlossenen Volksschulen?

Anton Schwingruber:

Dieser Tag soll Neugierde und Interesse wecken. Unsere Lehrpersonen leisten gute Arbeit, die sich sehen lassen darf. Die Volksschulen brauchen aber auch die Tuchfühlung mit der Öffentlichkeit – nicht nur mit den Eltern der Schulkinder, sondern mit der ganzen Bevölkerung. Nur so kann Vertrauen und Verständnis für die Schule und ihre Entwicklung aufgebaut werden.

Sie besuchen auf einer Tour durch den Kanton Luzern verschiedene Gemeinden, die sich an diesem Tag beteiligen. In unserer Region wohnen Sie in Mauensee der Gründung des Elternrates bei. Weshalb entschieden Sie sich gerade für diese Gemeinde und diesen Anlass?

Anton Schwingruber:

Ich werde eine Reihe von Schulen in verschiedenen Regionen besuchen, um einen Eindruck von der Vielfalt der Situationen und Bedürfnisse zu erhalten. Da ist Mauensee einer von vielen Mosaiksteinen. Dass dort die Gründung eines Elternrates auf dem Programm steht, macht die Sache für mich zusätzlich interessant.

Es macht den Anschein, dass die Schule immer mehr Erziehungsfunktionen zu übernehmen hat, die eigentlich Sache des Elternhauses wären. Liegt darin die Ursache für die Überforderung zahlreicher Lehrkräfte, die sich im so genannten «Burnout-Syndrom» äussert?

Anton Schwingruber:

Überforderung lässt sich selten auf einen einzigen Faktor zurückführen. Doch trifft es offensichtlich zu, dass sich Folgen des gesellschaftlichen Wandels sehr direkt auf die Schule und den Unterricht auswirken. Sie stellen an die Lehrpersonen Ansprüche, die oft kaum mehr zu erfüllen sind. Wir müssen deshalb auch auf Behördenseite den Mut haben, die Eltern in die Pflicht zu nehmen und an ihre Erziehungsaufgabe zu erinnern. Allerdings kann ich mir Bildung ohne Erziehung nicht vorstellen. Es geht auch hier um das Mass. Schule und Elternhaus müssen sich weiterhin in die Erziehungsaufgabe teilen.

Kann der Elternrat ein Weg sein, aus diesem Dilemma herauszukommen?

Anton Schwingruber:

Elternmitwirkung zählt zu den Zielen von „Schulen mit Profil“ und ist im neuen Volksschulbildungsgesetz verankert. Für mich steht hier nicht ein Dilemma, sondern ein konstruktives Miteinander im Vordergrund. Die Schwierigkeit und Herausforderung besteht darin, gerade jene Erziehungsberechtigten zu erreichen, deren Bereitschaft zur Mitarbeit am nötigsten ist.

Angesichts der grassierenden «Projektitis» im Bildungswesen – Stichworte «Schulen mit Profil», «Schule in Bewegung», «erweiterte Lernformen» und so weiter – fällt es immer schwerer, die Übersicht zu behalten. Wäre weniger nicht mehr?

Anton Schwingruber:

Von leerem Aktivismus halte ich nichts. Ich wehre mich aber auch dagegen, dass man der Schule Bettruhe verschreiben will, während ringsum alles in Bewegung ist. Die Schule muss mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen Schritt halten, die Schulentwicklung darf nicht stehen bleiben. Das heisst nun nicht, dass wir jeden kurzfristigen Trend mitmachen sollen. Ich plädiere für einen ruhigen Rhythmus. Auch Marschhalte und Denkpausen wie „Schule in Diskussion“ sind ab und zu nötig. Die Ergebnisse dieser breit geführten Diskussion über die künftige Ausrichtung unserer Volksschulen werden wir demnächst präsentieren. Auf diese Resultate werden sich auch die politischen Entscheidungen beispielsweise zur Sprachenfrage oder zur Basisstufe abstützen, die in den nächsten Jahren zu fällen sind.

Die Pisa-Studie hat dem Schweizer Bildungsniveau im Vergleich zu anderen Ländern keine guten Noten ausgestellt. Was tut der Kanton Luzern gegen den Bildungszerfall?

Anton Schwingruber:

Von „Bildungszerfall“ zu sprechen, ist meines Erachtens eine krasse Übertreibung. Mit Alarmstimmung und Schnellschüssen erreichen wir keine nachhaltigen Verbesserungen. Wir dürfen aber die Schwachstellen nicht wegleugnen. Sie bestehen beispielsweise im Bereich Lesen. Hier muss die Förderung früher und gezielter einsetzen. Die Sprachfähigkeit wird nämlich stark vom sozialen und kulturellen Umfeld des Kindes beeinflusst. Insgesamt gehe ich davon aus, dass wir mit unseren Schulentwicklungsprojekten auf dem richtigen Weg sind, um die Pisa-Scharten auszuwetzen.

Liegt die Lösung in der Akademisierung der Primarlehrerausbildung, wie sie mit den Pädagogischen Fachhochschulen angestrebt wird?

Anton Schwingruber:

Nicht die Akademisierung der Lehrerausbildung ist das Ziel, sondern ein Mehrwert an Qualität im Rahmen der höheren Fachausbildung, wie sie für andere Berufe und anspruchsvolle Tätigkeiten längst eine Selbstverständlichkeit ist. Die Ausbildung an unserer Pädagogischen Hochschule bleibt jedoch ausgeprägt praxisbezogen, mehr noch als an den Seminarien.

Vor dem Hintergrund, dass die Gymnasien nach wie vor eine breite Palette an Allgemeinwissen und somit ein solides Rüstzeug für das Studium vermitteln, erstaunen die Diskussionen um die Abschaffung der Langzeitgymnasien. Läuft man damit nicht Gefahr, am falschen Ort zu sparen?

Anton Schwingruber:

Die Diskussion über Vor- und Nachteile von Langzeit- und Kurzzeitgymnasium ist nicht neu, vor ein paar Jahren wurde sie im Grossen Rat in aller Schärfe geführt. Damals entschied sich das Parlament für ein Nebeneinander der beiden Typen. Im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung der Sekundarstufe I ergeben sich zum Teil neue Rahmenbedingungen. Dazu kommt die prekäre Schulraumknappheit in der Agglomeration Luzern. Vor diesem Hintergrund hat der Regierungsrat das Bildungs- und Kulturdepartement beauftragt, das gymnasiale Angebot zu überprüfen – aus pädagogischer Sicht wie auch mit Blick auf die Kosten. Von einer Abschaffung des Langzeitgymnasiums kann zur Zeit nicht die Rede sein. Die Regierung wird Mitte 2004 auf Grund der Überprüfung durch Fachleute die Weichen stellen.

Wie haben Sie sich in Ihr neues Amt als Bildungs- und Kulturdirektor eingelebt?

Anton Schwingruber:

Mir gefällt die Aufgabe, weil ich sie als neue Herausforderung erlebe. Und weil sie so direkt mit dem Leben junger Menschen zu tun hat. Das wirkt ansteckend. Dank dem „Rohstoff Bildung“ bereitet es mir auch keine Mühe, die Brücke zu meiner früheren Aufgabe im Wirtschaftsdepartement zu schlagen.

Interview: Daniel Zumbühl, „Surseer Woche“