Unfallfrei durch die Computerwelt…

Begrüssungsansprache am ECDL-Informationstag 2004 in Luzern, 17. März 2004

Unfallfrei durch die Computerwelt…

Ein paar unsystematische Bemerkungen zu Informatik und Bildung von Regierungsrat Dr. Anton Schwingruber, Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern

Sehr geehrte Damen und Herren

Zunächst: Herzlich willkommen in Luzern! Ich freue mich, dass Sie unsere schöne Hauptstadt als Tagungsort für den ECDL Informationstag 2004 ausgewählt haben, und ich wünsche Ihnen allen, ob Gäste oder Veranstalter, eine erfolg- und ertragreiche Tagung, die einen echten Austausch und gute Begegnungen ermöglicht.

Da ich im allgemeinen ein ehrlicher Mensch bin, gestehe ich Ihnen offen, dass ich erst seit 10 Tagen weiss – oder zu wissen glaube –, wer und was hinter dem Kürzel ECDL (*) steckt. Ich habe allerdings berufshalber viel mit Abkürzungen zu tun, denn mein Bildungs- und Kulturdepartement umfasst 40 Dienststellen, und fast jede ist stolz darauf, für ihre Bezeichnung eine gute Abkürzung gefunden zu haben. Übrigens sind, was Sie interessieren dürfte, in diesen 40 Dienststellen rund 3000 Personalcomputer (PC) im Betrieb.

Um ehrlich zu bleiben, schiebe ich gleich ein zweites Bekenntnis nach: Obwohl ich täglich für kurze oder auch längere Zeit am Computer arbeite, tue ich dies ohne den Europäischen Computer-Führerschein. Und ich fürchte, dass ich die „Fahrprüfung“ beim heutigen Stand meiner Fertigkeiten nicht – besser gesagt: noch nicht – bestehen würde. Doch seit mir Ihr Herr Lüthi vor ein paar Tagen die CD-ROM ECDL 4 Plus überreicht hat, gibt es gute Aussichten auf Besserung – dank gezielter Weiterbildung natürlich.

Damit stecken wir bereits mitten im weiten Feld der Bildung, welche die zentrale Aufgabe meines Departements ist und mir entsprechend nahe am Herzen liegt. Viele von Ihnen befassen sich ebenfalls beruflich mit Aus- und Weiterbildung. Doch bevor ich mich Ihrem Thema zuwende, lassen Sie mich ganz knapp den Bildungsstandort Kanton Luzern vorstellen. Ich will Sie dabei nicht mit Zahlen bombardieren, sondern bloss ein paar Fakten festhalten. So zum Beispiel, dass

  • im Kanton Luzern alle öffentlichen Volksschulen heute geführte, teilautonome Schulen sind
  • dass alle fünf Regionen des Kantons über eine eigene Maturitätsschule verfügen
  • dass zur Zeit die Berufsschulen zu klar strukturierten Kompetenzzentren zusammengefasst werden sollen
  • dass seit kurzem eine Pädagogische Hochschule in Luzern unsere künftigen Lehrpersonen ausbildet
  • dass die Fachhochschule Zentralschweiz in Luzern ihren Standort hat und mit ihren Teilschulen Technik und Architektur, Wirtschaft, Gestaltung und Kunst, Soziale Arbeit und Musik für ein breites Bildungsangebot auf der tertiären Stufe sorgt
  • dass auch das Armeeausbildungszentrum AAL und das Medienausbildungs-zentrum MAZ in Luzern beheimatet sind
  • und schliesslich: dass Luzern eine Universität hat, die noch jung und klein, aber auch sehr dynamisch und attraktiv ist.

Es versteht sich von selbst, dass in allen diesen Bildungsinstitutionen, von der Volksschule bis zum universitären Nachdiplomstudium, die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien eine wichtige Rolle spielen – sei es im Bereich der Infrastrukturen, der Lehrmittel und Lernmethoden oder sei es als eigentlicher Lehr- und Forschungsgegenstand (zum Beispiel: Studiengänge Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftskommunikation an der HSW; Institut für Elektronik an der HTA; Studienbereich Animation an der HGK, etc.).

In diesen Zusammenhang gehören natürlich auch die ECDL-Testcenters im Kanton Luzern – ich erwähne speziell jene am Kaufmännischen Bildungszentrum Luzern und, noch ganz neu, am (kantonalen) Berufsbildungszentrum Willisau.

Im Bildungs- und Kulturdepartement selbst haben wir kürzlich den Bereich Informatik neu strukturiert. Es wurde namentlich ein Informatik-Kompetenzzentrum Bildung (IKZB) geschaffen, das alle operativen Dienstleistungen für die Verwaltungs- und die Schulinformatik vereint. Zu seinen Aufgaben zählt ganz wesentlich die pädagogische und technische Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen aller Stufen im Bereich der Informations- undKommunikationstechnologien (ICT).

Das tönt jetzt alles so richtig schön positiv und unproblematisch. Doch vergessen wir nicht: Bildung ist in ihrer Substanz nicht eine Sache der Organisation und der Infrastrukturen, sondern eine Sache der Inhalte . Was müssen junge Menschen kennen und können und demzufolge lernen, damit sie im Leben bestehen – das ist nach wie vor die zentrale Frage der Schulpolitik. Im Kanton Luzern führen wir über solche Fragen eine intensive öffentliche Diskussion. Dabei geht es nicht nur um das Frühenglisch, sondern in einem viel weitern Sinn um die Balance oder auch Symbiose zwischen Kopf, Hand und Herz, zwischen Wissensfächern, musischen Fächern und Sport, zwischen Sozial- und Sachkompetenz. Dazu kommt die Kostenfrage. Wir stehen mitten in einer gross angelegten Sparübung, die den Bildungsbereich nicht ausklammert.

Selbstverständlich bleiben auch die Informations- und Kommunikationstechnologien von diesen Auseinandersetzungen über Ziele, Inhalte und Kosten nicht verschont. So lautet beispielsweise ein Fazit unserer öffentlichen Debatte, dass auf der Stufe Primarschule die Informatik nicht als selbständiges Fach, sondern in den Unterricht integriert werden soll.

„Der Computer ist nicht Mittelpunkt, sondern ein Mittel. Punkt“ – diese Formel, auf die ich kürzlich gestossen bin, bringt die Sache buchstäblich auf den Punkt, und sie hat meines Erachtens weit über den Volksschulbereich hinaus ihre Gültigkeit. Sie richtet sich nicht gegen die wichtige Rolle der Informations- und Kommunikationstechnologien, sondern gegen den Hang von uns Menschen, das technische Mittel zum reinen Prestigeobjekt, zum Fetisch oder zum goldenen Kalb hoch zu stilisieren. Der Auto-Salon lässt grüssen…

Und so wären wir wieder beim Führerschein . Die deutsche Bezeichnung Ihrer driving licence trifft genau ins Schwarze: Beide, das Auto und der Computer, erfüllen ihren Zweck dann am besten, wenn sie tadellos und unfallfrei gefahren werden. Dazu benötigen die Nutzer optimale Kenntnisse, viel Übung und – Charakter. Mindestens für den ersten Teil ist die Fahrschule zuständig, und die ist, nach meinem Verständnis von ECDL, Ihr business. ECDL liefert Lehr- und Testmittel und bildet die Fahrlehrerinnen, Fahrlehrer und Prüfungsexperten aus. Sie tun dies im grossen Stil und internationalen Rahmen , was angesichts der globalen Ausrichtung der Informatikmittel und -netze sicher sinnvoll ist. Damit beteiligen sie sich als massgeblicher Partner an einer wichtigen Aus- und Weiterbildungsaufgabe . Ich denke, Ihre Rolle ruft geradezu nach guten Beziehungen und einem intensiven Dialog mit den Trägern und Organen der öffentlichen Bildung. Die heutige Tagung fördert diesen Dialog.

Ich wünsche den Akteuren von ECDL weiterhin Erfolg und Gelingen. Da ich leere Versprechungen verabscheue, möchte ich heute offen lassen, wie es mit meiner persönlichen computer driving licence weitergeht. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich zumindest daran denke, mich bei Gelegenheit auch noch dieser Prüfung zu unterziehen. Am guten Vorsatz fehlt es also nicht. Und das ist auch bei Politikern der erste Schritt zur Besserung…

(*) European Computer Driving Licence

Quelle: Anton Schwingruber