Gib uns allen ein besseres Deutsch!

100 Jahre Schweizerischer Verein für die deutsche Spracher SVDS

Gib uns allen ein besseres Deutsch!

Jubiläumsfeier vom 20. November 2004 in Burgdorf  

Grusswort von Dr. Anton Schwingruber, Vorsteher des Bildungs- und Kulturdepartements des Kantons Luzern

„Lieber Herr und Gott…Gib den Regierenden ein besseres Deutsch…“, flehte 1864 ein bayrischer Pfarrer in einem auch sonst bemerkenswerten Gebet, das mir kürzlich in die Hände geraten ist. Ob seine Herzensbitte im Laufe der letzten 140 Jahre gefruchtet hat, lasse ich für den Augenblick offen. Sicher bin ich aber, dass die Anstrengungen des SVDS auf dem Gebiet der Sprachpflege in den ersten 100 Jahren seines Bestehens einiges bewirkt haben.

100 Jahre haben Gewicht. Wir kritische Menschen des 21. Jahrhunderts sind ja geneigt, Geschichte eher als Last denn als Lust, als Gewinn und reiches Erbe zu empfinden. Und wenn wir zurück blicken, springt uns der tief greifende Wandel viel rascher in die Augen als die unauffällige Konstanz.

Für diese bevorzugte Wahrnehmung des Wandels gibt es auch bei der Sprachpflege gute Gründe, wenn wir an die sich überstürzenden Veränderungen unserer Sprech- und Schreibgewohnheiten denken. Als Vater dreier Töchter im Alter von 18 – 25 Jahren bekomme ich zumindest am Rande mit, wie sich die Jugend heute verständigt. Das ist in sprachlicher und in medientechnischer Hinsicht eine hoch interessante Erfahrung innovativer Praxis. (Kennen Sie übrigens den Unterschied zwischen „geil“ und „cool“? – Es gibt eigentlich keinen, nur tönt „cool“ viel „geiler“…)

Aber auch in meinem beruflichen und politischen Alltag erlebe ich hautnah den Wandel in der Kommunikation und in den Medien. Ich habe mittlerweile immerhin gelernt, Schlagzeilen wie etwa „Der Bildungsdirektor übt sich im Spagat“ oder „Die Bildung wird zu Tode gespart“ zwar ernst, aber nicht für bare Münze zu nehmen. Und ich habe mich auch daran gewöhnt, dass ich nicht mitzuhalten vermag, wenn unsere Informatik- und Controlling-Fachleute ihr neudeutsches Jägerlatein zelebrieren.

Da ich ein geborener Viel-Leser und überdies ein ausdrucksfreudiger Mensch bin, kann ich dem Phänomen Sprache und der Sprachentwicklung allerdings nicht gleichgültig gegenüber stehen. Ich benötige Sprache dringend, und zwar eine Sprache, die mir erlaubt, mich möglichst klar und angemessen auszudrücken, und überdies eine Sprache, die von jenen, die ich ansprechen möchte, auch wirklich verstanden wird. Dabei wünschte ich mir, mein wichtigstes Verständigungsmittel wäre auch in Zukunft die deutsche Sprache und nicht irgendein pseudo-multikulturelles Kauderwelsch.

Ich interessiere mich aber nicht nur aus persönlicher Neigung und Vorliebe für Sprache, sondern sozusagen von Amtes wegen: Sie alle wissen, dass die Frage, wie der Sprachenunterricht an der Volksschule künftig gestaltet werden soll, brennend aktuell ist. Aufgeschreckt durch die wenig schmeichelhaften Ergebnisse der P ISA-Studie, ächzt unser Land unter der Herausforderung, dafür zu sorgen, dass unsere Kinder die deutsche Sprache besser beherrschen und vor allem deutsche Texte besser verstehen. Und zwar subito! Überdies ertönt der lautstarke Ruf nach Früh-Englisch und Französisch und damit zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe, die unsere Schuljugend globalisierungsfähig machen und gleichzeitig den eidgenössischen Zusammenhalt garantieren sollen. Natürlich ebenfalls subito – trotz vielerlei Opposition aus mancherlei Gründen! Und mitten in diesem Stimmengewirr suchen die Bildungsdirektorinnen und Bildungsdirektoren der Schweiz, der deutschen Schweiz, der Nordwestschweiz, der Südostschweiz, der Zentralschweiz und so weiter unverzagt nach sinnvollen, harmonisierten, politisch umsetzbaren Lösungen.

Ich möchte Sie nun aber nicht mit allen Aufwallungen und Widersprüchen der aktuellen Sprachendiskussion im Schul- und Bildungswesen bemühen, sondern Ihnen lediglich in geraffter Form aufzeigen, dass wir, was die deutsche Sprache respektive die „lokale Unterrichtssprache“, „Erstsprache“ oder „Standardsprache“ betrifft, durchaus gewillt sind, den Pfad der Tugend zu beschreiten, mit der festen Absicht, in naher Zukunft spürbare und wenn möglich auch messbare Verbesserungen zu erzielen:

  • Die kantonalen Erziehungsdirektoren haben vor anderthalb Jahren einen Aktionsplan mit PISA-Folgemassnahmen verabschiedet. Darin ist die frühe Sprachförderung zentral – und zwar gerade für Schülerinnen und Schüler mit ungünstigen Lernvoraussetzungen. PISA hat nämlich bestätigt, dass der soziale Hintergrund, die familiäre Förderung für den Erwerb der Erstsprache von entscheidender Bedeutung ist.
  • Zu den konkreten Sprachfördermassnahmen zählt unter anderem die Attraktivierung des Lesens innerhalb und ausserhalb der Schule.
  • Sodann insistieren wir auf der konsequenteren Verwendung des Hochdeutschen als Unterrichtssprache, und zwar ab Schulbeginn und teilweise schon im Kindergarten. Kurz: Die Standardsprache Deutsch sollte zur „üblichen“ Sprache in der Schule werden. Damit verliert Hochdeutsch den Anstrich des Besonderen oder gar Fremden.
  • Die Mundart wird deshalb nicht aus dem Unterricht verbannt. Sie soll aber gezielter als bisher für bestimmte Themen, Aktivitäten oder Unterrichtsformen eingesetzt werden.
  • Die Qualität der Sprachförderung soll zudem messbar werden, denn internationale Vergleichsstudien belegen, dass Länder, welche über verbindliche Bildungsstandards verfügen, bessere Ergebnisse erzielen. Im Rahmen von HarmoS, einem Projekt der Erziehungsdirektoren zur Harmonisierung der obligatorischen Volksschule, werden national gültige Standards, das heisst überprüfbare Mindestkompetenzen für die Erstsprache entwickelt. Diese legen fest, was eine Schülerin, ein Schüler am Ende des zweiten, sechsten und neuen Schuljahrs in der Erstsprache erreicht haben muss.

Die Umsetzung dieser Massnahmen ist zur Zeit im Gange. Sie sehen also: Die Bildungspolitik betreibt aktiv Sprachförderung. Dass ihr dabei Erfolg beschieden sein wird, können wir nur hoffen. Vor diesem Hintergrund erhalten die Ziele und Anliegen Ihres jubilierenden Vereins und Ihrer Zeitschrift „Sprachspiegel“ eine zusätzliche bildungspolitische Bedeutung und Aktualität. Ich nehme deshalb diese heutige Feier zum Anlass, Sie in Ihren Bemühungen zu bestärken und Ihnen – auch im Namen der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) – für alles, was Ihr Verein in den vergangenen 100 Jahren im Dienste der Sprache und Sprachpflege geleistet hat, herzlich zu danken. Die Geschichte des SVDS bedeutet nicht so sehr „Last der Jahre“, sondern spiegelt viel mehr einen bewundernswerten uneigennützigen Einsatz ungezählter Fachleute und Freunde des guten Sprachgebrauchs.

Als Luzerner denke ich dabei ganz besonders an Alfons Müller-Marzohl, der sich sowohl im schulischen Umfeld als auch auf dem Parkett der Bundespolitik beharrlich und erfolgreich für die deutsche Sprache stark machte. Zudem erwähne ich Werner Frick, ihren langjährigen Geschäftsstellenleiter, dem wir verdanken, dass der SVDS in Luzern während langer Zeit einen eigentlichen Stützpunkt hatte. Diese Tatsache hat übrigens zu meiner Legitimation, hier einige Worte an Sie zu richten, wesentlich beigetragen, und entsprechend gerne habe ich der Einladung Ihres Präsidenten Folge geleistet.

Neben der Gemeinsamkeit der Ziele, die uns stärkt und verbindet, gibt es indessen auch ein latent spürbares Manko, das heutzutage Behörden, Kirchen, Schulen, Eltern, Rechtschreibe-Kommissionen und Sprachvereinen gleichermassen zu schaffen macht: Es fehlt uns namentlich auf dem weiten Feld der kulturellen Aktivitäten – und dazu zähle ich die Sprache – die selbstverständliche Autorität früherer Würden- und Bürdenträger. Wir können nicht verordnen, was gutes Deutsch ist. Vielmehr müssen wir täglich um einen guten, bewussten Sprachgebrauch ringen, wir müssen versuchen, ihn mit Hilfe von Argumenten plausibel zu machen, und wir müssen ihn vor allem auch vorleben.

Das ist erfahrungsgemäss nicht immer ganz einfach. Wir bedürfen der gegenseitigen fachlichen und moralischen Unterstützung, wir benötigen Vorbilder, wir brauchen Geduld. Und weil dies alles nicht immer genügt, nehme ich nochmals zum besagten Gebet des bayrischen Pfarrers aus dem Jahre 1864 Zuflucht, wo es unter anderem heisst: „ Gib den Regierenden ein besseres Deutsch und den Deutschen eine bessere Regierung!“ – Nicht nur den Deutschen, möchte ich unbedingt beifügen; und ein besseres Deutsch nicht nur den Regierenden, sondern auch vielen Journalisten, PR-Fachleuten, Lehrpersonen, Werbetextern, Predigern, Professoren, Verfassern von Gebrauchsanweisungen für Mikrowellenöfen und Kühltruhen – kurz: Gib uns allen ein besseres Deutsch!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen eine unvergessliche Jubiläumsfeier mit vielen Impulsen für Ihr künftiges Wirken.

Quelle: Anton Schwingruber