Denkmalpfleger leben in der Gegenwart und arbeiten für die Zukunft

Ansprache zum Tag des Denkmals 2005

Denkmalpfleger leben in der Gegenwart und arbeiten für die Zukunft

Medienkonferenz am 1. September 2005 in Luzern: Ansprache von Regierungsrat Dr. Anton Schwingruber, Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern, zum Europäischen Tag des Denkmals 2005 im Kanton Luzern

Der Europäische Tag des Denkmals steht dieses Jahr gesamtschweizerisch unter dem Motto „ ‚vorher : nachher‘ pflegen, umnutzen, weiterbauen im historischen Kontext “. Unsere Kantonale Denkmalpflege und Archäologie hat dies zum Anlass genommen, am Morgen des 10. Septembers 2005 nicht weniger als 17 hervorragend gelungene Beispiele vom Zusammenwirken von Alt und Neu im ganzen Kantonsgebiet vorzustellen. Anschliessend, von 12 bis 17 Uhr lädt sie zu einem Besuch in diese grossartig umgebaute Fabrikhalle ein, in welcher sie selbst seit einem Jahr sehr gut aufgehoben ist.

Dies gibt mir Anlass, einige Überlegungen zum Wirken einer zeitgemässen Denkmalpflege und Archäologie anzustellen. Der Mensch braucht Heimat, der Mensch braucht das Wissen über sein Herkommen, um die Gegenwart und die Zukunft verstehen und bestehen zu können. Wenn Heimat und Geschichte fehlen, drohen Entwurzelung, soziale Isolation, Gefühl der Verlassenheit, psychischer Schaden. Auf der andern Seite braucht der Mensch Aufbruch, neue Ideen, Entdeckergeist, Innovation. Wenn er seine Neugierde – wir können den Begriff durchaus wörtlich nehmen als die Gier oder vielleicht besser die Lust nach Neuem – wenn der Mensch seine Neugierde nicht befriedigt, drohen Langeweile, Teilnahmslosigkeit, ökonomische und kulturelle Stagnation und ebenfalls psychischer Schaden.

In diesem Spannungsfeld bewegen sich Denkmalpflege und Archäologie. Wer meint, Denkmalpflege und Archäologie verhelfen nur dem Alten zu seinem Recht und verhindern Neues, täuscht sich. Dies belegen die luzernischen Beispiele zum heurigen Denkmaltag. Gewiss erforscht die Archäologie bei Bauvorhaben zunächst das Terrain nach den Spuren, welche unsere Vorfahren zurückgelassen haben und welche durch das Bauvorhaben in der Regel zerstört werden. Gewiss ist die Denkmalpflege beim Bauen im historischen Umfeld in erster Linie Anwalt des bestehenden Wertvollen. Beide werden aber nur in einem kleinen Prozentsatz aller Fälle aktiv. Und dabei richten sie ihr Augenmerk nicht nur auf die Erforschung und Erhaltung des Bestehenden, sondern ebenfalls auf die angemessene, qualitätvolle und zeitgerechte Entwicklung in die Zukunft hinein. Denkmalpfleger und Archäologinnen leben in der Gegenwart und arbeiten für die Zukunft. Sie sichern die Spuren der Geschichte als notwendige Voraussetzung für das Weiterkommen der Menschheit, sie sind innovativ und erfindungsreich in der sach- und zeitgerechten Abwicklung der Geschäfte und sie tragen Wesentliches zur qualitätvollen Entwicklung der gebauten Umwelt bei. Ich betone das Wort Entwicklung. Denn es sind es gerade die in diesen Sparten tätigen Leute, welche Wege öffnen und Entwicklungsstränge kanalisieren zum lebenswerten Fortkommen unter Bewahrung des Bewahrenswerten.

So dürfen wir feststellen, dass im Dialog mit den Denkmälern qualitätvolle Umbauten, Ergänzungs- und Neubauten entstanden sind und weiterhin entstehen. Die Urheber derselben zählen nicht selten zu den besten unserer Architekten. Das Verhältnis zwischen Denkmalpflege und Architektur hat sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten verändert, eben entwickelt, und zwar zum Guten. Stand man sich früher zuweilen noch als Feinde gegenüber, weil die einen allzu sehr das verlorene Paradies suchten und die andern allzu ausschliesslich dem Funktionalismus verhaftet waren, stellen wir heute Partnerschaft fest. Es ist eine Partnerschaft, die beiderseits auf der Achtung vor der Geschichte, der Umwelt und dem Bestreben nach Qualität – Lebensqualität – beruht.

Wie aber steht es mit dem Bauherrn, der Bauherrin, dem Investor und der Investorin? Sehen sie die Qualität des ererbten oder erworbenen Baudenkmals, des Ortsbildes oder der natürlichen Umgebung, in der es sich befindet. Sind sie bereit, diese Qualitäten zu erhalten und auf hohem Niveau weiterzuentwickeln? Hier ist ständige Aufklärungsarbeit notwendig. Dabei ist die Feststellung wichtig, dass Erhaltung nicht teurer sein muss als Neubau, qualitätvolle Architektur nicht teurer als mittelmässige. Um allfällige Mehrkosten abzufedern, stehen die Denkmalpflegesubventionen von Gemeinden, Kanton und Bund zur Verfügung, die auch in Zeiten des notewendigen Sparens unabdingbar sind.

Beim Pflegen und Weiterbauen unserer Denkmäler muss jeweils ein Optimierungsprozess stattfinden, an welchem Architekt, Bauherrschaft (Investor) und Denkmalpflege in gleichem Masse teilnehmen. Diesem Optimierungsprozess müssen sich alle Beteiligten stellen. Unterbleibt er, führt dies zu Unzufriedenheit, Zerstörung oder mangelnder Nachhaltigkeit. Ich bin glücklich, dass wir in den 17 Beispielen, welche die Architekten und Architektinnen am 10. September vorführen, Qualität zeigen können, hinter der fordernde und geforderte, vor allem aber zufriedene Bauherrschaften, gute Architekten und unsere Denkmalpflege und Archäologie stehen. Besonders freut es mich, dass hier in der Schildfabrik diese Qualität anzutreffen ist, und dass die Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Luzern in einem derart geglückten Umbau eines eindrücklichen Fabrikgebäudes ihre Zelte aufschlagen konnte. Sie hat an diesem Umbau – zusammen mit unserem Amt für Hochbauten und Immobilien – auch selber mitgewirkt. Wesentlich ist er aber der Bauherrschaft und dem Architekten zu verdanken, und ich freue mich, dass heute Architekt Marc Syfrig unter uns weilt. Der Kanton ist hier zur Miete, ein glücklicher Mieter, wie sie sogleich sehen werden.

Damit empfehle ich den Europäischen Tag des Denkmals im Kanton Luzern Ihrem Interesse und Ihrer Neugier. Kommen Sie mit auf die Entdeckungsreise! Ich danke Ihnen.

Anton Schwingruber, Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern