Keine neuen Gräben!

Kolumne in verschiedenen Luzerner Regionalzeitungen / Oktober 2005

Keine neuen Gräben!

Es gab Zeiten, da standen sich im Kanton Luzern die Stadt und das Land fast unversöhnlich gegenüber. Erst die politischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts führten zur demokratischen Gleichberechtigung der Landschaft. Finanzausgleich und andere Fördermassnahmen halfen in den letzten Jahrzehnten mit, den Graben zwischen Zentrum und Peripherie weiter zuzuschütten. Diesen Ausgleich halte ich für eine Stärke unseres Kleinstaates.

Doch der Ausgleich scheint ins Wanken zu geraten. Im sich verschärfenden Wettbewerb der Metropolen werden die Rand- und Berggebiete zunehmend als wirtschaftliche Last, als Wachstumsbremse empfunden. Urbane Vordenker stellen immer lauter (und bisweilen arrogant) die Frage, wie viel «Hinterland» die Ballungsgebiete sich denn noch leisten wollen.

Auch auf der Luzerner Landschaft nimmt man diese Anzeichen eines Stimmungsumschwungs in den Zentren wahr. So wundert es nicht, dass hier die kürzlich von der Regierung vorgelegte «Reform 06» wie Öl ins Feuer empfunden wurde. Ich kann die Reaktion verstehen, ohne aber die Befürchtung zu teilen, die Reform 06 hätte insgesamt eine Schwächung der Landschaft zur Folge – auch wenn eine schlüssige Beurteilung erst nach der seriösen Überprüfung der einzelnen Massnahmen möglich sein wird. Wir sollten nicht vergessen, dass ein Staat, der Schulden macht, nicht in der Lage ist, die Aufgabe des regionalen Ausgleichs zuverlässig zu erfüllen.

So oder so müssen wir uns ernsthaft der Stadt-Land-Frage widmen. Diese Diskussion kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten respektieren, dass auch in den Randgebieten Menschen wohnen und nicht Schachfiguren. Wir können und wollen diese Menschen nicht einfach hängen lassen. Der staatlich geförderte Ausgleich zwischen Agglomeration und Peripherie ist zur Routine geworden, so dass der Wert der Landschaft als Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum vielen heute gar nicht mehr bewusst ist. Damit schwindet auch das Verständnis für konkrete Fördermassnahmen.

Ausgleich bedeutet indes nicht Abschottung gegen jede neue Entwicklung. Regionalpolitik darf sich nicht in der Verteidigung des Bestehenden und Errungenen erschöpfen – oder, wie es RegioHER-Geschäftsführer Franz Wüest jüngst formulierte: «Wir müssen selber in die Offensive gehen, wenn wir überleben wollen». Auch das Verhältnis zwischen Stadt und Land unterliegt der Dynamik der Zeit. Nehmen wir uns die Mühe, es neu zu überdenken und so zu gestalten, dass beide gewinnen und gemeinsam stark sind – damit keine neuen Gräben entstehen.

Dr. Anton Schwingruber, Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern