Schlagworte trüben den Blick

Editorial für das Mitteilungsblatt 2 / 06 des Bildungs- und Kulturdepartements des Kantons Luzern

Schlagworte trüben den Blick  

Seit kurzem ist „Schulen mit Zukunft“ offiziell lanciert. Das neue Schulentwicklungsvorhaben wurde im Amt für Volksschulbildung sorgfältig vorbereitet. Es ist breit abgestützt – sämtliche Akteure der Luzerner Volksschulen sind durch ihre Verbände in der Projektorganisation vertreten: die Lehrpersonen, die Schulleitungen, Schul- und Gemeindebehörden. Eine attraktive Broschüre liegt auf dem Tisch, eine spezielle Webseite wird schon bald aufgeschaltet. In den nächsten zwölf Monaten finden Veranstaltungen für Behörden und die Öffentlichkeit sowie zahlreiche Schulgespräche statt, die nicht nur der Information, sondern auch der Diskussion über Ziele und Massnahmen von „Schulen mit Zukunft“ dienen sollen. Also denn, alles im Butter – oder etwa doch nicht?

Ich spüre neben vorwärts gerichteter Zustimmung auch Bedenken, Ängste und Abwehr. „Schon wieder ein neues Projekt“, seufzen die einen, die vielleicht im Schulalltag nur noch Baustellen und kein Ende sehen. Andere befürchten noch mehr Leistungs- und Kostendruck. Ich kann solche Reaktionen schon verstehen, vor allem dann, wenn sie von Leuten kommen, die im täglichen Einsatz für eine gute Schule stehen und aus Pflichtgefühl der Überforderung der Schulverantwortlichen vorbeugen wollen. Aber es gibt auch Abwehrreflexe, die auf Vorurteilen oder Missverständnissen beruhen. Ich denke, wir sollten mit einer gewissen Gelassenheit an die Sache heran gehen und sie in einem Gesamtzusammenhang sehen.

„Die Schule ist keine Patientin, die Bettruhe benötigt“, erklärte ich vor bald drei Jahren an dieser Stelle. Das gilt für mich heute noch. Aber ich meine damit auch nicht das pure Gegenteil: überstürzte Reformen, Hektik, Aktivismus. Wir wollen nichts anderes als mit den gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt halten. Es ist nicht der Staat, der uns keine Ruhe lässt, sondern die moderne, „offene“ Gesellschaft mit all ihren Stärken und Schwächen.

Schritt halten, sagen wir – von Laufschritt ist nicht die Rede. Es wird immer wieder übersehen, dass „Schulen mit Zukunft“ auf eine Dauer von zehn Jahren angelegt ist. Zudem handelt es sich um einen Prozess, und an diesem Prozess sind viele Menschen beteiligt. Es gibt keine fixfertig geschnürten Massnahmenpakte. Vieles muss zunächst diskutiert, erarbeitet, erprobt, geprüft und errechnet werden. Manche Schulen haben auch bereits Teilziele umgesetzt, zum Beispiel die integrative Förderung im Regelklassenbereich oder die kooperative Sekundarstufe 1.

„Schulen mit Zukunft“ ist übrigens kein luzernischer Alleingang: Unsere Entwicklungsziele sind eingebettet in die gesamtschweizerischen Harmonisierungsbestrebungen, die im Projekt „HarmoS“ zusammengefasst sind und welchen sich unser Kanton weder entziehen will noch entziehen kann.

Missverständnisse und Schlagworte trüben den Blick. „Balkanisierung“ oder „Finnlandisierung“ – beide Begriffe stammen aus dem Arsenal der politischen Unwörter vergangener Epochen und sind schon deshalb für unsere aktuelle bildungspolitische Diskussion ungeeignet. Es stimmt auch nicht, dass wir unsere Entwicklungsziele einseitig nach der Schulpraxis eines bestimmten europäischen Landes ausrichten. Natürlich schauen wir uns um und sind bereit, von andern zu lernen. Aber es bleibt uns nicht erspart, nach eigenen Lösungen zu suchen, die auf unsere Verhältnisse zugeschnitten sind.

Ich lade Sie ein, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, nach dem erfolgreichen Abschluss von „Schulen mit Profil“ sich mit gleicher Offenheit und kühlem Kopf den „Schulen mit Zukunft“ zuzuwenden. Nehmen wir uns Zeit für eine gut überlegte, sowohl pädagogisch als auch politisch und finanziell abgestützte Weiterentwicklung unserer Volksschule, die eine Schule für alle bleiben soll!

Anton Schwingruber, Bildungs- und Kulturdirektor