Ein Geben und Nehmen

Editorial im Mitteilungsblatt des Bildungs- und Kulturdepartement 4 / 2006

Ein Geben und Nehmen

Unsere Hochschulen bilden den Schwerpunkt dieser Ausgabe. Schon wieder die Uni, mag es den einen oder andern durch den Kopf gehen. Ja, es stimmt: Unsere vergleichsweise noch jungen Hochschulen und namentlich die Universität erhalten derzeit viel öffentliche Aufmerksamkeit – eben gerade deshalb, weil bei ihnen vieles neu ist und damit auch für die Medien attraktiv. Und sie haben zum Teil noch kein eigenes Haus, kein richtiges Dach über dem Kopf. Deshalb ist es so wichtig, dass das Luzernervolk am kommenden 26. November dem Kauf und Umbau des Postbetriebsgebäudes Luzern zu Gunsten von Uni und PHZ zustimmt. Ich zähle dabei auch auf Ihre Solidarität.

Die an sich erfreuliche positive Publizität um unsere Hochschulen hat allerdings einen Nachteil. Es könnte nämlich der Eindruck aufkommen, wir würden uns nur noch für die tertiäre Bildung, für Uni und andere Hochschulen interessieren, für die „obere Liga“ – und dies natürlich auf Kosten des übrigen Bildungsangebots. Die Tatsachen liegen jedoch völlig anders: Unser Kanton hat in den letzten Jahren einen bedeutenden Teil seiner Ressourcen in die Entwicklung der Volksschule, der Mittelschulen, der Berufsbildung und der Lehrerbildung investiert.

Was in andern Kantonen erst in der Vorbereitungsphase steckt, ist bei uns bereits gelebte Realität. So sind heute, dank dem neuen Volksschulbildungsgesetz und dem Projekt „Schulen mit Profil“, unsere Volksschulen ausnahmslos geleitete, teilautonome Schulen mit Leitbild und Leistungsauftrag. Und weil die gesellschaftliche Entwicklung uns keine langen Pausen gönnt, geht auch der Schulentwicklungsprozess weiter, jetzt unter der Devise „Schulen mit Zukunft“. Dabei wollen wir Stillstand ebenso wie blossen Aktivismus vermeiden. Wir konzentrieren uns deshalb auf wenige Entwicklungsschwerpunkte. Im Zentrum der Bemühungen steht der Unterricht, stehen die Lehrpersonen und die Lernenden.

Im Bereich der Mittelschulen hat der Kanton in den vergangenen Jahren viel Geld für Neu- und Ausbauten eingesetzt. Damit wurden auch die räumlichen Voraussetzungen für schulische Verbesserungen namentlich auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und der Informatik geschaffen. Jede Region verfügt heute über eine moderne Maturitätsschule. Vor kurzem hat der Kanton von den Standortgemeinden die volle fachliche und finanzielle Verantwortung für die Berufsschulen übernommen, der gleiche Prozess ist für die Fachmittelschulen sowie für das 10. Schuljahr und weitere Brücken-Angebote im Gange. Mit der Überführung der Lehrerbildung von den Seminarien in die neu geschaffene Pädagogische Hochschule konnte ein weiteres anspruchsvolles Projekt erfolgreich umgesetzt werden.

Immer wieder unterschätzt wird die Rolle des Kantons in der Berufsbildung. Über zehntausend junge Luzernerinnen und Luzerner stehen in einer Berufslehre, rund zwei Drittel aller Schulabgänger wählen diesen „Königsweg“ als Einstieg in die Berufswelt. Bund, Kantone, Berufsverbände und Lehrbetriebe teilen sich zwar in diese zentrale Bildungsaufgabe, aber beim Kanton liegt die Federführung, verbunden mit grossen finanziellen Leistungen – zurzeit sind es mehr als 90 Millionen Franken im Jahr. Dank Berufsmatura, die den direkten Zugang zu den Fachhochschulen ermöglicht, wird die berufliche Grundbildung über den Weg der Berufslehre zusätzlich gestärkt. Ganz auf dieser Linie liegt auch der Auf- und Ausbau der Fachhochschule Zentralschweiz mit ihrer breiten Palette von Bildungsangeboten.

Dass die Kräfte und Mittel bis zum letzten Franken angemessen und sinnvoll zwischen den einzelnen Bildungswegen verteilt sind, lässt sich nie ganz schlüssig beweisen, weil die Zuteilungsentscheide ausgesprochen politischer Natur sind. Unbestreitbar ist aber in jedem Fall das enorme Engagement des Kantons im gesamten Bildungswesen, das trotz knappen Finanzen nicht zur Disposition steht. Bildung ist ein Gesamtsystem, es lässt sich nicht einfach auseinander dividieren. Zwischen den einzelnen Zweigen herrscht ein Geben und Nehmen, alle profitieren von einander im positiven Sinn, wenn die Qualität stimmt. Wir wollen nicht nur bei den Hochschulen, sondern auf allen Bildungsstufen in der obersten Liga mitspielen.

Dr. Anton Schwingruber, Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern