Menschenrechte sind kein Schönwetter-Programm

3. Internationales Menschenrechtsforum Luzern: Menschenrechte und Bildung, PHZ Luzern, 1. – 2. Juni 2006

Menschenrechte sind kein Schönwetter-Programm

Grusswort von Dr. Anton Schwingruber, Schultheiss des Kantons Luzern, Vorsteher des Bildungs- und Kulturdepartements

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich freue mich: Luzern zeigt sich von seiner besten Seite – nicht was das Wetter betrifft, natürlich, da sind wir und unsere vielen Gäste in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt worden. Doch ich betrachte es als eine echte Stärke des Hochschulstandortes Luzern, dass hier dank vereinten Bemühungen verschiedener Bildungsinstitutionen eine intensive und in meinen Augen notwendige Auseinandersetzung mit den Menschenrechten ermöglicht und gefördert wird. Zum dritten Mal findet nun das Internationale Menschenrechtsforum Luzern statt. Das Terrain hiefür wurde allerdings schon früher vorbereitet – beispielsweise durch das Gewicht, welches an unserer Universität seit Jahren den sozialethischen Fragen beigemessen wird. Ich darf in diesem Zusammenhang auch an den 27. Januar 2005 erinnern, als im Kanton Luzern Tausende von Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen – von der Volksschule über Berufs- und Mittelschulen bis zu den Hochschulen – auf eindrückliche Art erstmals den „Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust und der Verhütung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ begingen.

Dass nun erstmals die Pädagogische Hochschule Luzern die Trägerschaft des Internationalen Menschenrechtsforums übernommen hat, betrachte ich als hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass die Menschenrechte – im besten Sinne von „Tradition“ – wie ein wertvolles Erbstück weitergegeben werden an die Jugend; an eine Jugend übrigens, die sich in einem unsäglichen Wirrwarr von medial vermittelten Eindrücken, Werbesprüchen und ideologischen Versprechungen zurecht finden muss.

Damit sind wir auch schon mitten im Thema dieses Forums: Menschenrechte und Bildung . Gestatten Sie mir dazu ein paar kurze persönliche Gedanken, die keinen Anspruch auf Systematik und wissenschaftliche Stringenz erheben – dafür werden nach mir berufenere Leute sorgen.

Ich denke zunächst an das Menschenrecht auf Bildung . Es darf als Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, der Schweizerischen Bundesverfassungen von 1848 und 1874 gelten und ist für uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Dennoch sind in der politischen Praxis die Konsequenzen dieses Menschenrechts auch heute noch lange nicht geklärt. Wenn wir über die Zumutbarkeit von Schulwegen oder über die Höhe von Stipendien oder über fehlende Ausbildungsplätze für die Berufslehre oder über den „numerus clausus“ für bestimmte Studienrichtungen oder über die Chancengleichheit der Kinder in einer heterogenen Gesellschaft oder über Elternrechte diskutieren und entscheiden, dann geht es eigentlich immer auch um die Frage, welche Folge wir dem Menschenrecht auf Bildung a uf welche Art und Weise geben können und wollen. Das ist bildungspolitischer Alltag, meine Damen und Herren, und es kann nur nützlich sein, sich von Zeit zu Zeit wieder auf den tieferen Grund unserer Auseinandersetzungen, auf das Ziel unseres langen Weges zu guter Bildung zu besinnen. Die neue Bildungsverfassung, die unser Land vor zehn Tagen mit einem selten einmütigen Volksentscheid beschlossen hat, sehe ich als Meilenstein auf diesem Weg.

Ich denke bei Ihrem Tagungsthema aber auch an die Rolle, welche die Menschenrechte in der Bildung erhalten sollen, und damit an den konkreten Inhalt der Bildung, die wir vorab jungen Menschen vermitteln. „Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor de Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen und allen rassischen und religiösen Gruppen beitragen und der Tätigkeit der Vereinten Nationen für die Wahrung des Friedens förderlich sein“ – so will es Artikel 26, Absatz 2, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Sind darin nicht geradezu erdrückende Ansprüche an unsere Schulen und an unsere Lehrerrinnen und Lehrer enthalten? Muten wir ihnen nicht einfach viel zu viel zu – zumal unser öffentliches Leben so wenig beizusteuern scheint zur geistigen und ethischen Orientierung, zum Zusammenhalt und zur inneren Festigkeit? Ich muss diese Frage hier offen lassen, hoffe aber, dass gerade dieses Forum an Antworten und Hilfestellungen arbeiten wird, die sich in die Praxis umsetzen lassen. Wir dürfen unsere Lehrerinnen und Lehrer nicht allein im Regen stehen lassen.

Das bringt mich zum dritten Punkt: Über Menschenrechte zu sprechen, ohne zu handeln, das heisst ohne zumindest die praktischen Konsequenzen mit zu bedenken und zu bearbeiten, wäre unzulässige Strohdrescherei. Mit Genugtuung stelle ich fest, dass das 3. Internationale Menschenrechtsforum dieser Gefahr ganz gezielte Massnahmen entgegensetzt: durch den Einbezug von Studierenden, Schülerinnen und Schülern; durch die Entwicklung konkreter Umsetzungsprojekte, durch die Ausweitung des Blicks auf andere Länder und Kontinente und durch die geplante Fortsetzung des Dialogs und der Zusammenarbeit.

Es mag etwas simpel erscheinen, im Zusammenhang mit Rechten auch an Pflichten zu erinnern. Ich tue es trotzdem. Ich denke dabei an die Pflicht junger Menschen, ihre Bildungschancen und ihre Talente zu nutzen. Ich denke aber noch mehr an die Pflicht der Eltern und Erziehungs-berechtigten , für die ihnen anvertrauten Kinder nicht nur materiell zu sorgen, sondern ihnen auch Wärme, Geborgenheit und Sicherheit zu schenken und ihre Vorbildfunktion wahrzunehmen. Das gute Beispiel ist der überzeugendste Lehrmeister –davon bin ich persönlich tief überzeugt.

Ich kehre zurück zum Wetter: Menschenrechte sind kein Schönwetter-Programm , sie müssen gerade dann greifen und sich bewähren, wenn Wolken aufziehen, wenn sich der Horizont verdüstert, wenn alle Zeichen auf Sturm stehen. Das 3. Internationale Menschenrechtsforum Luzern will mithelfen, uns in diesem Sinne wetterfest zu machen – nicht mit finsterer Miene und ständig erhobenem Mahnfinger, sondern in der heiteren Entschlossenheit von Menschen, die gemeinsam an einem grossen Projekt arbeiten. Ich danke allen, die an der Durchführung dieses Forums beteiligt sind, für ihren Einsatz, und ich wünsche Ihnen allen eine ertragreiche Tagung und einen angenehmen Aufenthalt in Luzern.

Quelle: Anton Schwingruber