Eine starke Frau mit einer Schwäche für die Schwachen

Zum Gedenken an alt Ständeratspräsidentin Dr. h.c. Josi J. Meier

Eine starke Frau mit einer Schwäche für die Schwachen

Ansprache anlässlich des Abschiedsgottesdienstes vom 13. November 2006 in der Hofkirche Luzern

Liebe Trauergemeinde

Die Frau, von der wir hier und heute Abschied nehmen, hatte viele Verehrer. Ich zähle mich zu ihnen – seit Jahrzehnten. Für mich war und ist Josi J. Meier ein im besten Sinn verehrungswürdiges Vorbild: als Politikerin, als Juristin, als Christin, als Mensch. Sie ist und bleibt der Inbegriff einer mutigen, aufrechten, starken Frau – einer starken Frau mit einer Schwäche für die Schwachen. Josi Meier verfügte über das sichere Gespür eines animal politique, über eine enorme Schaffenskraft, über eine zuweilen unbequeme Zivilcourage und über den Schalk eines Menschen, der über den Dingen steht. Sie war zudem blitzgescheit in der Argumentation, schlagfertig im Redegefecht, träf in ihren legendären Sprüchen, schlicht und unverfälscht in ihrem Auftreten.

Bei all diesen Stärken kannte Josi Meier aus eigener Erfahrung nur zu gut auch die schwachen und schwierigen Seiten der menschlichen Existenz: Sie kannte von ihrer Jugend her die Lebensbedingungen einer Familie, die zum haushälterischen Umgang mit den kargen Mitteln gezwungen war; sie kannte die Folgen gesundheitlicher Störungen, die schon früh ausgerechnet ihre Stimme schwächten; sie kannte in den letzten Jahren die Hinfälligkeit des Leibes, der sie bis zum Tode so tapfer getrotzt hat. Ich werde nicht vergessen, mit welcher Entschlossenheit sie vor einigen Wochen bei einem Freundestreffen aus Anlass ihres Geburtstages noch selber Regie führte – im deklarierten Bewusstsein, dass es sich um eine „Abschiedsveranstaltung“ handle.

Das tönt schon fast nach Heldenleben. Doch Josi Meier würde solcher Glorifizierung resolut widersprechen. „Ich bin keine Heldin“, gab sie vor ihrem 80. Geburtstag kurz und bündig zu Protokoll – in einem bewegenden letzten Gespräch, das sie mit dem „Willisauer Boten“ führte. Ebenso entschieden hätte sie sich wohl einer medialen Heiligsprechung widersetzt – obwohl ihr der Heiligenschein vermutlich um einiges näher käme als das Bild des heroisch-einsamen Übermenschen. Zeitlebens bekannte und betätigte sie sich als Christin, die die Bergpredigt ernst nahm und daraus entscheidende Impulse für ihr persönliches und politisches Handeln empfing. So hat sie sich über den Titel einer Ehrendoktorin der Theologie, den ihr 1994 unsere Luzerner Universität verlieh, ganz bestimmt gefreut. Es war, wie schon 1993 das juristische Ehrendoktorat der Universität Freiburg, die verdiente Auszeichnung eines Lebenswerks, das sich mit „christlich“ und „sozial“ wohl am treffendsten kennzeichnen lässt.

So war es auch die christlich-soziale Bewegung, in welcher Josi Meier als junge Anwältin in den Sechzigerjahren ihre erste und prägende politische Heimat fand. Als eine der ersten Frauen und lange vor der Einführung des Frauenstimmrechts – für das sie in Wort und Schrift hartnäckig kämpfte – nahm sie Einsitz in die Gremien der Christlichsozialen Partei, die damals im Kanton Luzern als Partnerin und Konkurrentin neben der Konservativen Partei selbständig agierte. 1970 kam es dann aber zur bedeutsamen Wende: Konservative und Christlichsoziale schlossen sich zur neuen Volkspartei, später CVP, zusammen und verhalfen bald darauf gemeinsam mit einem mächtigen Ja dem Frauenstimmrecht auf Kantonsebene zum Durchbruch.

Jetzt waren Pionierfrauen vom Schlag einer Josi Meier gefragt. Wie so manche politische Karriere hatte auch die ihre bescheiden in der Schulpflege begonnen. Im Frühjahr 1971 zog sie dann zusammen mit sieben weitern Frauen in den Luzerner Grossen Rat ein, ein halbes Jahr später zählte die CVP-Politikerin zu den ersten elf Nationalrätinnen der Schweiz. Und 20 Jahre danach wurde sie, nochmals als erste Frau, zur Präsidentin des Ständerats gewählt, dem sie seit 1983 angehörte. 1995 verabschiedete sie sich aus der aktiven Politik. Sie war inzwischen, ohne jede „damenhafte“ Allüre, zur „grossen Dame“ der eidgenössischen Politik geworden, von links bis rechts anerkannt und geschätzt.

Dabei war in dieser ungewöhnlichen Laufbahn der Erfolg alles andere als von Anfang an programmiert. Die junge Frau musste sich fast alles selber erarbeiten. Mit ihrem unbeugsamen Gerechtigkeitssinn und ihrer unverblümten Ausdrucksweise hat sie sich gewiss nicht nur Freunde geschaffen. Zudem lag sie im permanenten Streit mit Agenden, Zeitplänen und technischen Hilfsmitteln. Josi Meier nahm nicht nur kein Blatt vor den Mund, sondern sie verlegte (oder „vernoschete“) ihre Blätter und Notizen mitunter. Dann kam eben ihre berühmte Improvisationsgabe zum Zug.

Dass diese Frau als Frau und trotz ihren Ecken und Kanten und trotz ihrer ausgeprägten Schwäche für die Schwachen so viel erreichte, ein so breites Ansehen erwarb und so hohe Anerkennung erntete – dafür gibt es nur eine Erklärung: Josi Meier lebte und handelte glaubwürdig. Glaubwürdigkeit ist die höchste aller politischen Tugenden – ich denke, für Josi Meier stand gar nie etwas anderes zur Diskussion, ungeachtet der Kräfte zehrenden Ansprüche, die sie damit an sich und ihre Lebensführung stellte.

Das Wirken von Josi Meier lässt sich nicht territorial eingrenzen. Es begann im lokalen Rahmen der Stadt Luzern und weitete sich über Kanton und Bund stetig aus, über die Grenzen des Landes hinaus. Aussenpolitik und der Einsatz für die Menschenrechte zählten während Jahren zu ihren Arbeitsschwerpunkten. Dennoch blieb Josi Meier mit Luzern immer eng verbunden. Ja, sie war aus Luzern nicht mehr wegzudenken. Ihre Leistungen und Erfolge strahlten auf uns zurück, manchmal sonnten wir uns wohlig darin. Zudem empfand ich Josi Meier immer als Luzernerin durch und durch – nicht bloss wegen der typisch luzernischen Kurzform ihres ebenso luzernischen Taufnamens Josephine, nein, Josi Meier verkörperte in Sprache, Ausdruck und Lebenshaltung viel von dem, was unsere Eigenart ausmacht: Traditionsbewusstsein verbunden mit Weltoffenheit, dörfliche Verankerung verbunden mit der Freude an urbaner Kultur, politisches Temperament verbunden mit einer gewissen Gelassenheit. Josi Meier war kaum eine Integrationsfigur – dafür war sie zu kämpferisch. Aber sie war in diesem Kanton und in dieser Stadt eine Identifikationsfigur, in der sich viele Menschen, Frauen und Männer, wieder fanden.

Mit dem Tod von Josi Meier verlieren wir eine herausragende Persönlichkeit des politischen, sozialen und kulturellen Lebens. Darüber hinaus ist uns ein Stück Luzern abhanden gekommen. Der Verlust macht uns traurig. Unsere Antwort darauf heisst – Dankbarkeit: Im Namen des Regierungsrates, der kantonalen und städtischen Behörden sowie der Bevölkerung von Stadt und Land Luzern danke ich der Verstorbenen von Herzen für ihr Wirken und für ihre Menschlichkeit. Unser Dank gilt zudem allen Menschen, welche Josi Meier bis in die letzten Tage durch das Leben begleitet und in ihrem segensreichen Wirken unterstützt haben. Ihren Angehörigen und nahen Bekannten spreche ich unsere herzliche Teilnahme aus. Wir werden Josi Meier als guten und lieben Menschen, als Vorbild, als ein Stück Luzern in Erinnerung behalten.

Bhüet Di Gott, Josi!

Dr. Anton Schwingruber, Schultheiss des Kantons Luzern