Abschied und Aufbruch

Vorwort zum Buch „Seminargeschichte – Seminargeschichten“

Abschied und Aufbruch

Mit den letzten Seminar-Diplomverleihungen in Luzern und Baldegg geht im Sommer 2007 eine denkwürdige Bildungstradition zu Ende. Zugleich findet ein tief greifender Umstellungsprozess in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung seinen Abschluss. So sind es gemischte Gefühle, die mich an diesem Wendepunkt bewegen: Die Wehmut über das Verschwinden eines weit herum geschätzten und bewährten Ausbildungswegs kontrastiert mit der freudigen Genugtuung über den geglückten Aufbau der neuen Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz (PHZ) Luzern, die nun vollumfänglich für die Ausbildung unserer Lehrerinnen und Lehrer der Volksschule verantwortlich ist.

Der Vorgang ruft uns die Kehrseite jeder Veränderung ins Bewusstsein: Gewinn bedeutet immer auch Verlust, und wer aufbricht, lässt Vertrautes und Liebgewordenes hinter sich. Schon vor zwei Jahren schlossen drei traditionsreiche, beliebte Bildungsstätten ihre Tore für immer: in Luzern das Kindergartenseminar Bellerive nach 35 Jahren, in Hitzkirch das Lehrerinnen- und Lehrerseminar nach fast 140 Jahren und in Baldegg das Seminar der Baldegger Schwestern nach 175 Jahren. Nun wird demnächst auch das Seminar Musegg, eine Gründung der Stadt Luzern, nach mehr als 100 Jahren endgültig der Vergangenheit angehören. Gleichzeitig verabschiedet sich an der Kantonalen Mittelschule Seetal in Baldegg die dorthin verlegte letzte Hitzkircher Seminarklasse.

Solche „Schulschlüsse“ der endgültigen Art sind für viele Betroffene schmerzlich. Alle diese Bildungsstätten verkörperten über Generationen hinweg Schulkulturen mit eigener Ausprägung und starker Ausstrahlung. Doch zum Glück werden nirgends Ruinen hinterlassen. Das „Bellerive“ dient heute als Aussenstelle der Pädagogischen Hochschule. In Hitzkirch entsteht die Interkantonale Polizeischule, die auch Räume des ehemaligen Seminars und namentlich die historische Kommende nutzen wird. In Baldegg ist die Kantonale Mittelschule Seetal in die ehrwürdigen Bauten eingezogen. Auf Musegg wird weiterhin das Kurzzeitgymnasium geführt – in guter Nachbarschaft zur Pädagogischen Hochschule. So pulsiert nach dem wehmütigen Abschied an allen vier Schulorten neues Leben, das uns den Blick nach vorne richten lässt.

Beides, Vergangenheit und Zukunft, Abschied und Aufbruch kommen im vorliegenden Buch glaubwürdig und spannungsreich zum Ausdruck. Markus Furrer zeigt in seiner „Seminargeschichte“ die Entwicklungslinien dieser Bildungsinstitution auf und schreibt damit ein packendes Kapitel der neueren Schul- und Bildungsgeschichte unseres Kantons. In ihren „Seminargeschichten“ rufen Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Blickwinkeln die pädagogischen, kulturellen, sozialen und menschlichen Errungenschaften des seminaristischen Bildungswegs lebhaft ins Bewusstsein. Sie lassen dabei den viel gerühmten „Seminargeist“ nochmals auferstehen, setzen aber auch kritische Akzente und weisen mit ersten Erfahrungsberichten aus der PHZ in die Lehrerbildung der Gegenwart und Zukunft.

Jawohl, das „Seminar“ ist, um mit einem der Autoren zu sprechen, eine Erfolgsgeschichte, und deshalb lohnt es sich unbedingt, die Geschichte und Geschichten unserer Seminare für eine Welt von morgen festzuhalten. Den Herausgebern Rolf Burki und Thomas Hagmann danke ich für die Realisierung dieses Buchprojekts ganz herzlich, ebenso den Autorinnen und Autoren sowie all jenen, die im Hintergrund mitwirkten. Ich möchte bei dieser Gelegenheit den Kreis noch ausweiten und alle einstigen und heutigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Luzerner Seminare in unsern Dank einschliessen. Viele von ihnen haben sich ein Berufsleben lang mit Leib und Seele, mit ihrem Können und ihrem inneren Feuer in den Dienst der Lehrerinnen- und Lehrerbildung gestellt.

Unsere Schule kann nur gelingen, wenn auch in Zukunft die Lehrerinnen und Lehrer sich ganz in den Unterricht eingeben, als leibhaftige „Vorbilder für Bildung“ (Ludwig Hasler). Solche Lehrerpersönlichkeiten auszubilden und heranzubilden bleibt die grosse Aufgabe der neuen Pädagogischen Hochschulen. Mit diesem Buch wollen wir uns deshalb nicht bloss nett und höflich von den Seminaren verabschieden. Vielmehr soll die Publikation dazu beitragen, dass wir das besonders Wertvolle des seminaristischen Wegs, seine echten Errungenschaften – ich denke nur etwa an das Gewicht von Musik, Gestalten, Sport und Persönlichkeitsentwicklung im Seminaralltag – hinüber nehmen in die Lehrerbildung der Zukunft. Dann verwandelt sich der Abschied wie von selbst in eine kontinuierliche Entwicklung, die von Zeit zu Zeit neue Aufbrüche benötigt.

Dr. Anton Schwingruber

Rolf Burki, Thomas Hagmann (Herausgeber): Seminargeschichte – Seminargeschichten. Zu beziehen bei: Kantonale Mittelschule Seetal, 6283 Baldegg. kms.seetal@edulu.ch