Vom armen Schulmeister zur Lehrperson mit Hochschuldiplom

Beitrag für die Rontaler Brattig 2007

Vom armen Schulmeister zur Lehrperson mit Hochschuldiplom

Lehrerbild und Lehrerbildung im Wandel der Zeit von Dr. Anton Schwingruber, Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern

Ein Meilenstein: Am 8. Juli 2006 verlieh die Pädagogische Hochschule Zentralschweiz (PHZ) in Luzern 93 Absolventen die ersten Lehrdiplome und, gemäss „Bologna“-Deklaration, den Titel eines Bachelor. Damit ist eine eigentliche Weichenstellung in der Lehrerbildung des Kantons Luzern besiegelt worden. Zwar bestehen am Pädagogischen Mittelschulzentrum Musegg in Luzern und an der Kantonalen Mittelschule Seetal in Baldegg noch Seminarklassen. Sie werden aber im Sommer 2007 als letzte auf dem seminaristischen Weg ihr Berufsziel erreichen und damit eine geradezu legendäre Ära endgültig abschliessen.

Verändert hat sich im Laufe der Zeit indessen nicht nur die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch das Bild, das sich die Bevölkerung von diesem Berufsstand macht. Das Spektrum reicht vom verschupften Schulmeisterlein bis zum hoch gelobten Dorfkönig – mit vielen Nuancen und Variationen. Und heute? Ich erlebe die Lehrer und Lehrerinnen – sie vor allem, denn die Frauen stellen mittlerweile klar die Mehrheit – als gut ausgebildete pädagogische Fachleute, die sich mit Kopf und Herz für ihre Schulen und Klassen einsetzen, im öffentlichen Leben aber weniger als früher wahrgenommen werden.

Diplomjahrgang 1936

Vor mir liegt eine Klassenfoto. Sie zeigt 16 junge Männer in standesgemässer Pose. Die meisten blicken ernst in die Zukunft, einige verschmitzt oder mit einem Anflug von Keckheit. Alle tragen sie einen dunklen oder dezent grauen Anzug mit Hemd und Krawatte, die Haare sind sauber gescheitelt. Es ist der Diplomjahrgang 1936 des Lehrerseminars Hitzkirch. Demnächst werden die hoffnungsvollen Junglehrer in die Rekrutenschule einrücken und danach – wenn sie Glück haben, denn es herrscht Überfluss an Anwärtern – ihre erste Stelle antreten, vielleicht in einer abgelegenen Gesamtschule oder in einem der vielen Luzerner Dorfschulhäuser. Sie werden in aller Regel als Respektspersonen gelten und schon bald nicht nur in der Schule, sondern auch im öffentlichen Leben der Gemeinde eine der ersten Geigen spielen.

Das war nicht immer so. „Wo der Lehrer nicht geachtet und seine Lehre nicht lieb gewonnen wird, da muss notwendig der Nutzen von einem unbedeutenden Belange sein. Nun aber sind weder die Lehrer noch ihr Unterricht beim Volke beliebt, und wenn keine Zwangmittel gebraucht würden, so würden wahrscheinlich alle Schulen wieder geschlossen“, klagte vor 200 Jahren P. Urs Viktor Brunner, der von 1801 bis 1805 die Lehrerbildungskurse im Zisterzienserkloster St. Urban geleitet hatte. Das war die Zeit, als nach dem Umsturz von 1798 der Staat sich um die Volksschule zu kümmern begann. Aber es war eine schwierige und langwierige Aufbauarbeit. Man denke nur an die bewegenden Schilderungen der „Leiden und Freuden eines Schulmeisters“ von Jeremias Gotthelf. Zeitgenössische Aufzeichnungen von Luzerner Lehrern, wenn auch nicht vom gleichen literarischen Rang, lassen ähnliche Rückschlüsse zu. Der spätere Erziehungs- und Regierungsrat Heinrich Ineichen aus Ballwil kam 1818 als zehnjähriger Bub nach Inwil zu Johann Meierhans, Organist und Schullehrer, einem „Sonderling ohne Gleichen“, in die Orgellehre und litt dabei Hunger wie nie mehr im Leben, obwohl er jeweils am Montag die Lebensmittel für die ganze Woche selber mitbringen musste…

Unhaltbare Zustände

Noch weit ins 19. Jahrhundert hinein herrschten vielerorts unerfreuliche bis unhaltbare Zustände in den Landschulen, die auch den Lehrern schwer zu schaffen machten. Es fehlte oft an fast allem, was für einen erfolgreichen Unterricht benötigt wird. In Root konnte beispielsweise noch 1882 der Unterricht an der Sekundarschule erst mit zwei Wochen Verspätung beginnen, weil die bestellten Schulbänke nicht vorhanden waren (Rontaler Brattig 1999). Die Volksschule war zudem ein Politikum ohnegleichen, das die Kantone, Gemeinden und Parteien über Jahrzehnte entzweite. Ansehen und Gewicht im öffentlichen Leben mussten sich die Lehrer und noch mehr die Lehrerinnen während langen Jahren erkämpfen.

Die lehrenden Frauen standen weit ins 20. Jahrhundert hinein in der Minderheit und im Hintergrund. Die „Fröili“ oder die Lehrschwester war zwar oft die gute Seele im Schulhaus und als solche auch geschätzt, aber nicht immer mit der entsprechenden gesellschaftlichen Anerkennung belohnt. Im Rückblick stellen wir dankbar fest, dass die Klosterfrauen von Baldegg, Menzingen und Ingenbohl in unsern Volksschulen und namentlich bei der Ausbildung junger Frauen zu Lehrerinnen Pionierleistungen vollbracht haben. Inzwischen bestimmen übrigens in vielen Lehrerzimmern die Frauen das Bild, namentlich der Unterricht auf der Primarstufe hat sich zum „typischen“ Frauenberuf gemausert. Von den 93 erfolgreichen Absolventen des Diplomjahrgangs 2006 der PHZ Luzern sind 78 Frauen und 15 Männer.

St. Urban, Luzern, Rathausen

Die Qualität der Schule hängt immer auch vom Stand der Lehrerbildung ab, und die hat sich aus äusserst bescheidenen Anfängen entwickelt. Erste Lehrerbildungskurse fanden Ende des 18. Jahrhunderts im damaligen Zisterzienserkloster St. Urban statt. Von 1810 bis 1841 wurde ein staatliches Lehrerseminar auf Maria Hilf in Luzern geführt. Zur Lehrbefugnis benötigten die Junglehrer drei Kurse zu vier Monaten – es konnten auch weniger sein, wie den „Memoiren“ Melchior Zwimpfers zu entnehmen ist, eines Schullehrers mit einem ungewöhnlich bewegten Lebenslauf. Eine seiner vielen Stationen war 1866/67 die Schule von Ebikon. 1839/40 hatte er die Lehrerkurse in Luzern absolviert. Nach dem zweiten Kurs wurde ihm bereits die Unterschule Ruswil übertragen, „die ich“, so berichtet er, „als kaum 18jähriges noch ziemlich kleines Bürschchen mit Freuden übernahm, allerdings nicht ganz ohne Sorgen und Bangen…“.

Nach einem erneuten Abstecher nach St. Urban fand die Lehrerbildung 1849 im soeben aufgehobenen Zisterzienserinnenkloster Rathausen, Gemeinde Ebikon, für die nächsten 18 Jahre eine Bleibe. 1868 begann dann die lange Ära Hitzkirch – mit 48 Seminaristen und 2 Seminaristinnen, die drei Jahreskurse zu bestehen hatten. In vielen kleinen und grösseren Schritten wurde das kantonale Seminar aufgebaut, das bis in die jüngste Zeit zum Inbegriff luzernischer Lehrerbildung wurde. Als es im Sommer 2005 seine Tore schloss, ging „eine musisch-pädagogische Tradition zu Ende, die während Jahrzehnten für die Ausbildung der Primarschullehrkräfte und damit auch für die Luzerner Volksschule prägenden Charakter hatte“, wie es der letzte Rektor, Thomas Hagmann, im Sommer 2005 beim Abschiedsfest sagte. Neben Hitzkirch entstanden jedoch noch weitere Ausbildungsstätten mit starker Ausstrahlung, so 1885 am Töchterinstitut in Baldegg, 1905 das städtische Lehrerinnenseminar auf Musegg, 1966 ein zweites kantonales Seminar in Luzern.

Freie Wohnung und neun Ster Holz

Mit der Hebung der Qualität der Ausbildung ging gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch eine materielle und soziale Besserstellung der Lehrer einher. In zwei Schritten wurden um die Jahrhundertwende die Lehrerbesoldungen deutlich erhöht – um 1910 verdiente ein Primarlehrer im Jahr zwischen 1200 und 1700 Franken, ein Sekundarlehrer 1600 bis 2200 Franken; dazu hatte er Anspruch auf freie Wohnung und neun Ster Holz oder eine entsprechende Entschädigung von 400 Franken. Für die Lehrerinnen lagen die Ansätze um je 200 Franken tiefer. Gemessen an den Einkünften der Staatsbeamten oder anderer Berufsgattungen durften sich die Lehrerlöhne nun zumindest sehen lassen. Der Erziehungsrat und der Kantonal-Schulinspektor wachten über die Entwicklung der Volksschule und die Qualität des Unterrichts. Dabei kamen die Lehrer nicht immer gut weg. In seinem Bericht über den Stand der Volksschule 1897 – 1910 stellte Kantonal-Schulinspektor Anton Erni unter anderem fest: „Nicht alle Lehrer verstehen es, die Schüler im richtigen Wechsel zweckentsprechend zu beschäftigen…Viele Lehrer lassen die schwachen Schüler sitzen und beschäftigen sich nur mit den fähigern…Die Lehrer machen immer noch einen zu ausgiebigen Gebrauch von Dialektsprechen. Wo soll das Kind die deutsche Sprache lernen, wenn nicht in der Schule?“

Lehrermangel – Lehrerüberfluss

In Kriegs- und Krisenzeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählten die Lehrerinnen und Lehrer der Volksschule mit ihren gesicherten Arbeitsstellen und Gehältern zu den privilegierten Arbeitnehmern. Dies trug zur steigenden Attraktivität ihres Berufs bei. Die Folge: Lehrerüberfluss in den Dreissigerjahren. 1936 soll es im Kanton Luzern rund 150 stellensuchende Lehrer gegeben haben. 1938 verfügte der Erziehungsrat einschneidende Begrenzungsmassnahmen, 1939 wurde am Seminar Hitzkirch keine erste Klasse geführt. Zwei oder drei Jahrzehnte später, als die geburtenstarken Jahrgänge die Schulhäuser zu füllen begannen, wendete sich das Blatt. Bis heute wechseln Mangelphasen mit Überflusszeiten ab. Steuerungs-massnahmen sind heikel und umstritten. Gegenwärtig finden die Absolventen einer Lehrausbildung in der Regel relativ rasch eine Stelle. Von den 93 ersten Diplomanden der PHZ Luzern hatten 74 bereits beim Abschluss eine feste Lehrstelle für das folgende Schuljahr, wirklich auf Stellensuche war zu diesem Zeitpunkt nur noch eine kleine Minderheit.

„Renaissance“ des Lehrberufs

Trotz neuen Ausbildungswegen mit Hochschulniveau, aufgewerteten Abschlüssen und zeitgemässen Anstellungsbedingungen haben es unsere Lehrerinnen und Lehrer im Schulalltag nicht gerade leicht. Sie erleben ihren Beruf zwar weit überwiegend positiv, fühlen sich jedoch durch erzieherische und organisatorische Aufgaben übermässig belastet. Zudem neigt unsere moderne Konsumgesellschaft dazu, die Leistungen der Volksschule und ihrer Akteure zu verkennen. Deshalb legte die Regierung im Jahr 2004 dem Grossen Rat einen Planungsbericht zur „Renaissance des Lehrberufs“ vor. Es geht darin um die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Schule und Lehrpersonen. Der Umsetzung der vorgeschlagenen Massnahmen sind zwar durch die engen Budgetrahmen Grenzen gesetzt. Mit dem neuen Besoldungsrecht für Lehrpersonen und dem Aufbau der Pädagogischen Hochschule konnten aber immerhin zwei wichtige Elemente bereits realisiert werden.

Dem Start der PHZ gingen allerdings heftige politische Auseinandersetzungen und aufwändige Vorbereitungsarbeiten voraus. Weite Kreise sträubten sich vorerst, den populären und geschätzten seminaristische Weg zum Lehrberuf preiszugeben. Als die Luzerner Regierung1996 sich hinter das neue Konzept einer Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz stellte, erwuchs dem Vorhaben in der Öffentlichkeit – und dies nicht nur im Kanton Luzern, denn das Projekt beruhte auf nationalen Vorgaben – offener Widerstand, unter anderem in Form einer Petition und einer Volksinitiative. Im Jahre 2000 kam dann aber der Durchbruch im Grossen Rat, der den Weg zum Konkordat aller sechs Zentralschweizer Trägerkantone für eine Pädagogische Hochschule Zentralschweiz mit Teilschulen in Luzern, Schwyz und Zug frei machte.

Mit Uni unter gleichem Dach

2002 begannen die letzten Klassen die Ausbildung an den kantonalen Lehrerseminarien, 2003 nahm die PHZ Luzern als erste und grösste der drei Teilschulen ihren Betrieb in den Schulanlagen auf Musegg und in der Sentimatt auf. Ausgebildet werden Lehrpersonen für den Kindergarten und die Unterstufe der Primarschule, für die Primarstufe und für die Sekundarstufe I. Voraussetzung für die prüfungsfreie Aufnahme an die PHZ ist in der Regel die Maturität. Im Studienjahr 2005/06 belegten knapp 700 Studierende an der PHZ Luzern einen Diplomstudiengang. Wenn das Luzerner Volk im Herbst 2006 der Uni-Vorlage zustimmt, werden zusammen mit der Universität auch grosse Teile der PHZ Luzern schon bald im ehemaligen Postbetriebsgebäude eine neue Unterkunft finden – ein weiterer Meilenstein in der wechselvollen Geschichte der Luzerner Lehrerbildung!

Für den geschichtlichen Teil dieser Ausführungen diente als Grundlage die Publikation „Zweihundert Jahre Luzerner Volksschule 1798-1998“ von Paul Pfenniger, 1998 herausgegeben vom Historischen Museum Luzern.