Von Kindern lernen

4. Internationales Menschenrechtsforum Luzern Menschenrechte und Kinder 24. / 25. Mai 2007 

Von Kindern lernen

Grusswort von Regierungsrat Dr. Anton Schwingruber, Vorsteher des Bildungs- und Kulturdepartements des Kantons Luzern

Sehr geehrte Damen und Herren

Wir sprechen von Kindern – deshalb lasse ich Kinder sprechen: „Wir, Kinder aus dem Kanton Luzern, wünschen uns, dass alle Kinder in der Schweiz einen Spielplatz benützen dürfen, auf dem sie sich nicht fürchten müssen, weil er für sie reserviert und sauber gepflegt wird. Wir tragen Sorge zu unseren Spielplätzen und reden gerne mit, wenn sie repariert und verbessert werden. Und was tun Sie?“ Das ist der Originalton einer Luzerner Schulklasse. Sie vertrat mit dieser „Vision“ am 26. März 2007 bei einer Demonstration auf dem Berner Bundesplatz die Kinder des Kantons Luzern. Zusammen mit Hunderten von Altersgenossen aus der ganzen Schweiz machte sie sich für die nachhaltige Umsetzung der UNO-Kinderrechtskonvention stark. Die Wünsche und Visionen, die sie mitbrachten, spiegeln ein Stück aktuelle Schweiz. „Wir, Kinder aus dem Kanton Schaffhausen, wünschen uns Schulen, in denen es keine Gewalt gibt.“ „Wir, Kinder aus dem Kanton Aargau, wünschen uns, dass Kinder, die anders sind, nicht ausgelacht werden.“ „Wir, Kinder aus dem Kanton St. Gallen, wollen unsere Meinung mutig äussern – wir wollen aber auch ebenso mutige Zuhörer sein…“ – um nur ein paar Beispiele zu zitieren.

Ein paar Tage später überbrachten mir die muntern Drittklass-Mädchen und -Buben aus dem Luzerner Säli-Schulhaus in einem originell dekorierten Traggestell ein Steinfragment. Es stammt von einer Steinplatte, auf der die Visionen der Schulklassen aus den verschiedenen Kantonen festgehalten sind. Die kurzfristig anberaumte Übergabe im Lichthof des Regierungsgebäudes wurde zur erfrischenden und ermutigenden Begegnung. Zuerst hatten die Kinder allerdings als Überbringer einer Botschaft eine bestimmte Rolle zu spielen, und das spürte man. Beim anschliessenden Gespräch jedoch sprudelten sie nur so von Ideen, und ich staunte mehrmals über den Tiefsinn ihrer Gedanken. Kinder sind Philosophen, wenn man ihnen dafür Raum und Zeit lässt. Die Grundgedanken der Menschenrechte und Kinderrechte sind ihnen im Grunde vertraut, weil diese Rechte ihren Sitz in der menschlichen Natur haben und ihre Wahrnehmung einem menschlichen Grundbedürfnis entspricht.

Etwas von der Unbeschwertheit und Unbekümmertheit dieser Begegnung möchte ich gerne an Sie, sehr verehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Forums, weitergeben. Damit soll das Tagungsthema nicht etwa aufgeweicht oder gar verniedlicht werden. Es gibt auf der Welt, in Europa und auch in unserem Land schwere und schwerste Verstösse gegen die Menschenrechte der Kinder, die wir nie akzeptieren dürfen. Deshalb ist die Thematik dieses 4. Internationalen Menschenrechtsforums Luzern so gewichtig und ernst. Dies umso mehr, als Kinder oft schutzlos sind und sich nicht selber wehren können. Aber wir können auch lernen von den Kindern. Ihre unverbrauchte Offenheit, ihr Gerechtigkeitssinn und ihr spontanes Wesen würden gerade uns Politikern immer wieder gut anstehen. Kinder haben übrigens nach meiner Wahrnehmung auch kein Problem mit Pflichten als Pendant zu ihren Rechten. Sie sind sich bewusst, dass sie zu dem, was ihnen zusteht, auch Sorge tragen müssen. Und so würde ich auf die Frage, die im Rahmen dieses Forums gestellt wird: „Wer ist verantwortlich für die Realisierung von Kinderrechten?“, nicht zögern, auch die Kinder zum Kreis der Mitverantwortlichen zu zählen.

Damit können und dürfen wir Erwachsene uns aber gewiss nicht aus der Verantwortung stehlen. Auf uns liegt die Hauptlast – der Stein, in den die Kindervisionen gemeisselt sind, wiegt entsprechend schwer.

Verantwortung trägt die Politik. Staaten sind die ersten Adressaten der Kinderrechtskonvention. Ich kann hier der Situationsanalyse, die Sie im Rahmen dieses Forums vornehmen werden, nicht vorgreifen. Aus der Sicht des Kantons Luzern möchte ich jedoch auf familien- und bildungspolitische Projekte hinweisen, die stark auf das Kindeswohl ausgerichtet sind; so etwa das Familienleitbild, die Kinderschutzstelle, das Projekt „Schulen mit Zukunft“ mit seinen Schwerpunkten Integration und schulergänzende Betreuung.

Verantwortung trägt die Schule: Sie ist doppelt gefordert – einerseits als wichtiger Ort der Umsetzung der Kinderrechte, andrerseits aber auch als Ort der Erziehung zu den Kinder- und Menschenrechten. Das neue Fach „Ethik und Religionen“ ist für diese Aufgabe geradezu prädestiniert. Doch der Auftrag geht weit über formelle Lerninhalte, Fächer und Lehrpläne hinaus: Es geht hier um Grundhaltungen, die Vorbilder und beharrliches Einüben benötigen, wie Roland Neyerlin jüngst im Magazin der PHZ Luzern treffend formuliert hat: „Menschenrechte und Kinderrechte reifen durch Übung und werden so handlungsleitend.“ Mit dem Menschenrechts-forum und dessen expliziter Ausrichtung auf die Praxis unterstreicht die PHZ Luzern die Rolle der Schulen und der Lehrenden bei dieser Einübung in die Menschenrechte.

Verantwortung tragen die Eltern. Wir alle wissen, wie entscheidend die ersten Lebensjahre eines Menschen für die spätere Lebensgestaltung sind. Die Eltern haben das Recht und die Pflicht, in dieser frühen Phase dem Kind Geborgenheit zu schenken und die Entwicklung seiner Anlagen – dazu zähle ich auch Gerechtigkeits-sinn und Mitgefühl – zu fördern. Wir müssen den Mut haben, von den Eltern die Erfüllung dieser Aufgabe einzufordern; umgekehrt benötigen Eltern auch die entsprechende gesellschaftliche Anerkennung und Unterstützung. Auf dieser Linie liegt die Kampagne „Stark durch Erziehung“, die zurzeit dank einer gemeinsamen Anstrengung von Kanton, Gemeinden und privaten Organisationen im Gange ist.

In zehn Jahren sollen die Steinfragmente der Kinderdemonstration vom 26. März 2007 als Puzzle wieder zusammengefügt werden. Und es soll dann auch gefragt werden, wie weit die Visionen der Kinder Realität geworden sind. Die Drittklässler von heute werden im Jahr 2017 junge, stimmberechtigte Erwachsene sein. Ich hoffe, sie werden sich an ihre Vision von 2007 erinnern und feststellen, dass sie inzwischen als Bürgerinnen und Bürger zusätzliche Verantwortung für die Umsetzung der Menschenrechte im Alltag tragen. Ich hoffe ferner, dass wir, das heisst alle, die dafür Verantwortung tragen, konkrete Fortschritte bei der Realisierung der Kinderrechte erzielt haben werden. Das Internationale Menschenrechtsforum Luzern trägt schon heute dazu bei. Ich danke allen, die dabei mitwirken, und wünsche Ihnen angeregte, von kindlich unbefangenem Geist inspirierte Beratungen und Impulse zu konkreten Umsetzungsschritten im Alltag.