Wir brauchen die Kunst

Grusswort beim Festakt 130 Jahre Hochschule für Gestaltung + Kunst Luzern

14. Juli 2007

Wir brauchen die Kunst

„Am Anfang war die Kunst“, behauptete jüngst der „Spiegel“ in einer Schlagzeile auf der Frontseite. Die Aussage passt glänzend zur heutigen Feier, ist doch von allen Teilschulen der Fachhochschule Zentralschweiz die jubilierende Hochschule für Gestaltung + Kunst Luzern mit ihren 130 Jahren die älteste und damit selbstverständlich auch ehrwürdigste. Am Anfang der Fachhochschulen war also die Kunst, und das will doch etwas heissen.

Die vom „Spiegel“ proklamierten Anfänge reichen allerdings wesentlich weiter zurück. Schon vor 100’000 Jahren hätten urzeitliche Menschen Schmuckstücke gestaltet, und vor 35 000 Jahren seien unsere Vorfahren fast ruckartig kreativ geworden: Sie schufen die ersten Bilder von sich und ihrer Umwelt. Zwischen diesen prähistorischen Felszeichnungen und den jüngsten Diplomarbeiten der HGK-Absolventen liegt der lange Weg der Kunst.

Angesichts solcher Zeit-Dimensionen schmelzen die stolzen 130 Jahre der HGK natürlich dahin, und übrig bleibt kaum viel mehr als ein schöner Augenblick. Doch die Hypothese, dass Kunst schon sehr, sehr früh die Menschen beschäftigte und wohl auch faszinierte, spricht für eine Institution wie die HGK. Man ist versucht zu sagen: Kunst gehört zum Menschen, und somit gehört eine Kunstschule zum Bildungsangebot einer Region, die etwas auf sich hält.

Aber freuen Sie sich nicht zu früh: So alt wie die Kunst , vermute ich, ist auch der Meinungsstreit, ob sie wirklich nötig sei oder eben doch nur ein Luxus, den sich vor allem Bessergestellte, privilegierte Querköpfe oder sonstige Sonderlinge leisten könnten. Zur Zeit der Gründung der HGK, als Westeuropa in den Taumel der Industrialisierung geriet, wurde die Frage nach dem Nutzen der Kunst besonders unerbittlich gestellt. Der Philosoph Alain de Botton beschreibt diesen Streit um die Kunst und ihre Notwendigkeit am Beispiel von Grossbritannien um 1865 in seinem ebenso gescheiten wie amüsanten Buch „StatusAngst“ – eine Lektüre übrigens, die man dringend allen, die mit Hochschulen und der Bologna-Reform zu tun haben, empfehlen müsste! Da meinte etwa ein Oxford-Gelehrter namens Frederic Harrison: „ Kunstsinn wünscht man sich vom Rezensenten neuer Bücher, er steht einem Literaturprofessor gut zu Gesicht, aber auf den Alltag angewandt, auf die Politik, bedeutet er einfach eine Hinwendung zu kleinlicher Mäkelei, zur Vorliebe für selbstischen Müssiggang und zu Unentschlossenheit im Tun. Der Mann von Bildung gehört zu den Erbärmlichsten unter den Sterblichen.“

Vor einem solchen Verdikt muss nicht nur der HGK-Rektor, sondern auch der Bildungsdirektor erbleichen. Doch schon damals gab es entschiedene Gegenstimmen, und inzwischen sind wir ganz sicher, dass der Mann aus Oxford nicht Recht hatte, sonst hätten wir heute ja wirklich nichts zu feiern. Interessant ist aber in diesem Zusammenhang, dass die HGK 1877 als Kunstgewerbeschule gerade auch aus Nützlichkeitsüberlegungen gegründet wurde. Die neue Bildungsstätte sollte dem einheimischen Kunsthandwerk und Kunstschaffen, die gegenüber der europäischen Konkurrenz ins Hintertreffen geraten waren, neuen Auftrieb verleihen.

Sind jetzt 130 Jahre viel oder wenig? Wenn wir einen auch nur ganz oberflächlichen Blick auf die Geschichte der HGK werfen, kommen uns die 130 Jahre halt doch als eine lange Zeitspanne vor: welch ein Wandel der Bildungsziele, der Ausbildungs-methoden, der künstlerischen Ausdrucksmittel, der Techniken, der Schulorganisation, der Abschlüsse! Aus den Meistern des Kunsthandwerks von einst werden wohl demnächst Masters mit akademischem Rang und Namen. Hinter dieser langen Geschichte, hinter diesem Werdegang der HGK Luzern stecken aber auch unendlich viel Arbeit, Engagement und Kreativität, liebevolle Betreuung, kämpferischer Einsatz, hartnäckiges Ringen um richtige Entscheidungen und geduldiges Ausharren. Allen Beteiligten, ob Dozierende, Studierende, Administrierende, spreche ich, auch im Namen des Regierungsrats und des FHZ-Konkordatsrats, unsern herzlichen Dank und unsere Anerkennung aus.

So gesehen, sind 130 Jahre tatsächlich jubiläumswürdig. Die Zahl selbst kommt mir – im Vergleich zu 125 oder 150 – zwar etwas schräg vor. Aber auch das passt zur Kunst; das Recht, schräg zu sein, ist ihr Privileg. Und schliesslich lese ich im Leitbild der HGK: „Wir versuchen, mit den Mitteln der Gestaltung und Kunst auf uns aufmerksam zu machen.“ Zu diesen gestalterischen Mitteln zählt offenbar auch die Kunst, ein Jubiläum im geeigneten (oder ungeeigneten) Zeitpunkt zu feiern. Überdies untermauert ein weiterer HGK-Leitsatz den Sinn von Jubiläen: (ich zitiere) „Wir fördern das Geschichtsbewusstsein der Studierenden, das Wissen um kreative und künstlerische Leistungen vorausgegangener Generationen und die Sensibilität, die positiven und negativen Seiten der Ästhetik des Zeitgeistes zu erkennen.“

Mit diesem Jubiläum feiert die HKG laut eigenem Bekunden „ihre Vergangenheit und ihre Zukunft“. Nach den heil überstandenen Turbulenzen der letzten Monate, welche an die Existenzfrage rührten, hat die Feier ihre besondere Bedeutung erhalten. Die HGK Luzern darf nach meiner Einschätzung optimistisch in die Zukunft blicken. Ich stelle auch gerne fest, dass die Leitung der HGK hart gearbeitet hat, um ihre Hochschule –unter welchem Dach auch immer – zukunftstauglich zu machen. Was die Masterstudiengänge betrifft, liegt jetzt der Ball bei den Bundesbehörden. Das Gerangel ist allerdings beträchtlich: Beim zuständigen Bundesamt sind 86 Gesuche um Masterstudiengänge hängig, davon nicht weniger als 34 aus den Bereichen Musik, Tanz, Theater und Kunst. Sie sehen also: Wir sind noch nicht ganz über dem Berg, doch die Chancen der HGK halte ich für intakt.

Aber auch der Meinungsstreit um Nutzen und Notwendigkeit der Kunst ist noch nicht beigelegt. Dass Kunst hinterfragt wird, soll uns nicht ängstigen, im Gegenteil, sie braucht die Auseinandersetzung, damit sie lebendig bleibt. Der Kunst abträglich hingegen sind Ignoranz, Geringschätzung und geistloser Kommerz. Für mich persönlich ist der Meinungsstreit längst entschieden: Wir brauchen die Kunst, weil sie uns das Leben lebenswerter und verständlicher macht. Oder wie es Alain de Botton im erwähnten Buch sagt: „Mit List und Tücke, mit Humor und Ernst vermag uns die Kunst in Gestalt von Romanen, Gedichten, Stücken, Bildern oder Filmen dazu zu dienen, unsere Lage zu erhellen. Sie kann zu einem wahrhaftigeren, tieferen, weit- blickenderen Verständnis der Welt führen.“

Wir brauchen die Kunst und wir brauchen die Ausbildung dazu. Mit diesem Auftrag wünsche ich der HGK Luzern eine gute Zukunft und Ihnen allen noch einen denkwürdigen Jubiläumstag.

Dr. Anton Schwingruber
Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern