Basisstufe im Härtetest

Basisstufe im Härtetest

Mein erster Schultag ist mir zwar als positives Erlebnis im Gedächtnis geblieben. Vermutlich habe ich aber diese abrupte Veränderung meines Alltags ziemlich locker genommen. Ganz anders erging es mir beim Schuleintritt unserer ältesten Tochter: Ich erinnere mich sehr genau, wie mir schlagartig bewusst wurde, dass unser Kind nun Teil des „Systems“ war. Ein Lebensabschnitt war unwiederbringlich zu Ende gegangen, eine Phase übrigens, die uns Eltern viel Schönes und Unvergessliches geschenkt hatte.

So bin ich denn auch heute noch überzeugt, dass der Eintritt in den Kindergarten und damit in das Netzwerk Schule ein Meilenstein im Leben eines Menschen und seiner Familie ist, auch wenn dies vom Kind kaum bewusst so empfunden wird. Wie heikel und von ganz unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen besetzt das Thema Schuleintritt ist, hat sich bei der Diskussion um das HarmoS-Konkordat in aller Deutlichkeit gezeigt. Deshalb bedarf auch eine allfällige Umgestaltung der ersten Schuljahre, wie dies die so genannte Basisstufe vorsieht, besonderer Sorgfalt und Behutsamkeit.

Beim Projekt Basisstufe geht es um die Erprobung einer pädagogischen und organisatorischen Neukonzeption der Eingangsstufe, also der ersten vier Kindergarten-, respektive Schuljahre. Die vier- bis achtjährigen Kinder spielen und lernen in einer altersdurchmischten Klasse, und sie werden von zwei Lehrpersonen unterrichtet und individueller als bisher gefördert. Entsprechende Schulversuche finden in der Schweiz schon seit einigen Jahren statt, im Kanton Luzern beteiligen sich zurzeit elf Gemeinden mit insgesamt 25 Pilotklassen an der Erprobung. Ich konnte schon mehrmals solche Klassen besuchen und war jedes Mal davon beeindruckt, wie ausgeprägt der Unterricht auf das einzelne Kind einging, wie selbstverständlich die Kinder damit umgingen und wie engagiert die beteiligten Lehrpersonen ihre anspruchsvolle Aufgabe anpackten.

Persönliche Eindrücke genügen indessen nicht, um die Basisstufe als zukunftstaugliches Modell zu beurteilen. Nun liegen aber Zwischenergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts in der Ostschweiz sowie der Pilotklassen im Kanton Luzern vor. Sie werden auf den folgenden Seiten dargestellt. Ohne den Ausführungen der Fachleute vorzugreifen, darf man indessen feststellen, dass die Basisstufe aus pädagogischer Sicht gegenüber dem bestehenden Jahresklassen-Modell offensichtlich ganz bemerkenswerte Stärken aufweist. Nicht nur die befragten Lehrpersonen, sondern auch die Eltern schätzen laut Luzerner Evaluation die Basisstufe „sehr positiv“ ein. „Das Unterrichten von lern- und altersheterogenen Klassen ist unter Einbezug der konsequenten Bündelung von fachlichen Ressourcen der Lehrpersonen möglich und bringt letztlich den Lehrpersonen und somit auch den Schülerinnen und Schülern mehr Befriedigung“, lautet ein Fazit von Brigitte Wiederkehr Steiger, Projektleiterin “EDK-Ost-4bis8“.

Weniger klar sind hingegen die organisatorischen und institutionellen Rahmenbedingungen (Pensen, Besoldungen, Raumbedarf, etc.), die es braucht, damit eine Basisstufe mit Erfolg und auf Dauer realisiert werden kann. Verbunden damit ist selbstverständlich die Kostenfrage. Lässt sich der finanzielle Aufwand „mit dem pädagogischen Mehrwert der Basisstufe“ (Brigitte Wiederkehr) legitimieren? Der Härtetest steht also erst noch bevor. Es geht dabei aber nicht nur um Geld, sondern auch um weiterreichende „Systemfolgen“. Denn was in der Basisstufe beginnt, ruft nach einer entsprechenden Fortsetzung in den anschliessenden Klassen.

Noch sind wir nicht so weit. Zuerst müssen die Schlussberichte der Ostschweizer und der Luzerner Evaluation zur Verfügung stehen. Sie sind im Verlauf des nächsten Jahres zu erwarten. Dann muss eine offene Diskussion zwischen allen an unserer Volksschule beteiligten Partner stattfinden können. Das letzte Wort wird die Politik haben, denn die flächendeckende Einführung der Basisstufe würde eine Änderung des Volksschulbildungsgesetzes benötigen. In jedem Fall aber ist ein kluges Abwägen aller Vor- und Nachteile unumgänglich.

Dr. Anton Schwingruber