Menschenrechte und Religionen sind aufeinander angewiesen

6. Internationales Menschenrechtsforum 2009 Luzern (IHRF), 5. / 6. Mai 2009

Menschenrechte und Religionen sind aufeinander angewiesen

Grusswort von Regierungsrat Dr. Anton Schwingruber

Im Namen des Regierungsrates des Kantons Luzern darf ich Sie am zweiten Kongresstag des 6. Internationalen Menschenrechtsforums herzlich willkommen heissen. Das zentrale Thema des Forums, Menschenrechte und Religionen, ist brennend aktuell und überdies ziemlich brisant.

Mit Genugtuung stelle ich fest, dass die Menschenrechte in Stadt und Kanton Luzern sozusagen einen festen Wohnsitz gefunden haben. Seit einigen Jahren nimmt sich die Pädagogische Hochschule Zentralschweiz in Luzern mit ihrem Zentrum für Menschenrechtsbildung intensiv und nachhaltig der Thematik Menschenrechte an. Das jährliche Internationale Menschenrechtsforum ist der weithin sichtbare Ausdruck dieser Bemühungen. Dabei beeindrucken mich an diesem Forum ganz besonders der ausgeprägte Praxisbezug, die Ausrichtung auf die Pädagogik und das persönliche Engagement von Studierenden wie auch von Lehrpersonen aller Stufen. Die Menschenrechtsthematik wird ja nicht selten als Tummelfeld für geschraubte Rhetorik und hochtrabende Absichtserklärungen genutzt. Solches Schönreden bleibt dann nur zu oft folgenlos im Alltag. Das brauchen wir nicht. Deshalb unterstützt und fördert der Kanton Luzern Menschenrechts-Initiativen und -Projekte, die sich an breite Kreise und wenn immer möglich auch an junge Menschen wenden und diese mit einbeziehen.

In diesem Zusammenhang erwähne ich den Gedenktag für die Opfer des Holocaust und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Nach einem ersten erfolgreichen Versuch vor vier Jahren wurde der Holocaust-Gedenktag Ende Januar 2009 zum zweiten Mal an zahlreichen Luzerner Schulen begangen wurde. Das Bildungs- und Kulturdepartement spielte dabei lediglich die Rolle des Promotors und Animators. Aus dem ersten Impuls entwickelten sich erstaunliche Initiativen und eine vorbildliche Zusammenarbeit von der Volksschule über Berufsschulen, Gymnasien bis zu den Hochschulen und zur Universität. Ich bin überzeugt, dass diese Art von Gedenktag zur Bewusstseinsbildung in Sachen Menschenrechte Einiges beizutragen vermag.

Hierhin gehört auch ein Hinweis auf eine weiteres Projekt, das wir derzeit vorantreiben: In Kooperation mit den Universitäten Zürich, Basel, Lausanne und Luzern ist ein Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) im Entstehen begriffen. Es soll, mit einem institutionellen Schwerpunkt in Luzern, die Wechselwirkungen zwischen Religion, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft wissenschaftlich bearbeiten und den Dialog zwischen diesen Bereichen fördern. Ich bin überzeugt, dass dieser religions- und gesellschaftswissenschaftliche Dialog innerhalb und zwischen den Fakultäten und Universitäten einem dringenden Erfordernis unserer Zeit entspricht. Er liegt mir denn auch ganz persönlich am Herzen. In unsern Schulen, in Städten und Dörfern, wo Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenleben, und selbstverständlich in der globalisierten Wirtschaft – überall spüren wir den Mangel an verbindlichen und verbindenden gemeinsamen ethischen Werten und Regeln. Der vielerorts festzustellende gesellschaftliche Bedeutungsverlust der Kirchen kontrastiert mit einem steigenden Bedürfnis nach ethischer Grundlegung, nach Religiosität und Spiritualität. Dass dabei sich oft Oberflächliches, Zeitgeistiges und kommerziell Verwertbares medienwirksam in den Vordergrund drängt, können wir täglich beobachten.

Übrigens: Der weltweit geführte Dialog zwischen den Religionen einerseits und zwischen Religion und Politik andererseits hat seit Jahren einen starken Bezug zum Kanton Luzern. Es ist nämlich der Luzerner Theologe Hans Küng, der diesem Dialog mit dem von ihm initiierten Projekt „Welt-Ethos“ ganz entscheidende Impulse verliehen hat. „Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden zwischen den Religionen“, lautet seine Devise.

Damit sind wir ganz nahe beim Thema dieser Tagung. Sie will ja der Rolle der Religionen bei der Verankerung, Verbreitung und Durchsetzung der Menschenrechte nachgehen. Wir wissen, dass über diese Rolle unterschiedliche und auch gegensätzliche Auffassungen bestehen. Es gibt enthusiastische Verfechter der Menschenrechte, die nur rot und schwarz sehen, wenn von Religion oder Religionen die Rede ist. Auf der anderen Seite stehen Religionsvertreter, die grosse Mühe haben mit der Anerkennung von Menschenrechten. Ich denke, das Bild vom Spannungsfeld trifft das Verhältnis zwischen Religionen und Menschenrechten am ehesten. Einen visuellen Eindruck von diesem „spannenden“ Verhältnis, aber auch von den erschreckenden Klischees, mit welchen das Stichwort Religion beladen ist, vermitteln übrigens die Plakate, die junge Leute aus der Fachklasse Grafik unserer Hochschule für Design & Kunst gestaltet haben.

Bewusst rede ich von einem „Spannungsfeld“ und nicht von einem „Minenfeld“. Ich neige nämlich zur Ansicht, dass es sich um eine Beziehung mit einem grossen Potenzial an positiven Kräften handelt, wenn alle Beteiligten damit klug und respektvoll umgehen. Oder sagen wir es doch so: Menschenrechte und Religionen sind einander viel näher, als manche wahrhaben wollen, und sie sind auch ein Stück weit aufeinander angewiesen. Für die Religionen ist das Menschenrecht Religionsfreiheit für ihren Freiraum im modernen Staat und in der pluralistischen Gesellschaft von existenzieller Bedeutung. Zudem kann der Rückgriff auf die individuellen Menschenrechte mithelfen, dass die Religionen für die Menschen da sind und nicht umgekehrt – wie es beispielsweise die aus dem Jemen stammende, in der Schweiz lebende Buchautorin Elham Manea kürzlich am Radio eindrücklich und glaubwürdig forderte.

Auf Seiten der Menschenrechte sollte man indessen nicht vergessen, dass die Wurzeln der Idee von den Menschenrechten in der Grundsubstanz der grossen Weltreligionen zu suchen sind. Ich denke, dass auch heute eine im tiefen Sinn religiöse Wert- und Welthaltung viel beiträgt zur Verbreitung und Anerkennung der Menschenrechte und der Menschenpflichten. Für die Menschenrechte gilt sinngemäss die gleiche Frage, die der frühere deutsche Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde für den modernen liberalen Staat erwägt, nämlich ob nicht auch dieser Staat „letztlich aus jenen inneren Antrieben und Bindungskräften leben muss, die der religiöse Glaube seiner Bürger vermittelt“.

Ich stelle diese Frage, ohne darauf zu antworten. Sie bedarf, zusammen mit weiteren Thesen und Problemstellungen, dringend der vertiefenden Erörterung. Dafür ist das 6. Internationale Menschenrechtsforum Luzern wie geschaffen. Ich wünsche Ihnen allen eine gewinnbringende, in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit der Thematik Menschenrechte und Religionen. Sie ist dringend notwendig. Denn ich wage, in Anlehnung an die Devise des Projekts „Welt-Ethos“, die Behauptung: „Keine weltweite Anerkennung und Durchsetzung der Menschenrechte ohne Mitwirkung der Weltreligionen!“

Dr. Anton Schwingruber