Das Phänomen Zemp – und was davon bleibt

Das Phänomen Zemp – und was davon bleibt

In: Alois Hartmann / Hans Moos (Hg.): Josef Zemp – ein Bundesrat schafft den Ausgleich. Sein Leben und Werk im Dialog mit der Gegenwart. Verlag Druckerei Schüpfheim AG, 2008

Hiesse ich Zemp, würde mir wohl täglich, vor allem in politischen Kreisen, die neugierig anteilnehmende Frage gestellt, ob ich mit dem berühmten Josef Zemp aus dem Entlebuch verwandt sei. Mit dem Bundesrat natürlich. Ja gewiss: Bundesrat Zemp ist in unsern luzernischen Breitengraden auch heute noch ein Begriff. Der Name zumindest ist geblieben. Die Persönlichkeit hingegen, die hinter diesem Namen steckt, und ihre historische Bedeutung dürften nur noch wenigen Interessierten vertraut sein. Sie in Erinnerung zu rufen und in einen neuen, zeitgemässen Kontext zu stellen – dazu bietet sich der 100. Todestag Josef Zemps geradezu an. Doch wir errichten aus diesem Anlass kein neues Denkmal. Die Zeit der Marmorbüsten, der Mythen und Lobreden ist längst abgelaufen. „Ehrendes Andenken“ bedeutet für uns heute: durch die Auseinandersetzung mit Gestalten und Ereignissen der Vergangenheit unsere Gegenwart neu anzudenken. Drei Stichworte mögen belegen, wie aktuell die Geschichte von Josef Zemp auch am Anfang des 21. Jahrhunderts noch ist: die Institution Bundesrat, die Zukunft des Service publique und das Spannungsfeld Zentrum-Peripherie.

Wenn wir uns mit Personen der Vergangenheit beschäftigen, setzen wir uns fast immer zwei gegensätzlichen, einander widerstrebenden Eindrücken aus: Bald herrscht das Gefühl einer weit entrückten Ferne vor, bald die Empfindung greifbarer Nähe. Auch bei Josef Zemp ergeht es mir so. Als er 1834 in Entlebuch geboren wurde, gab es noch keinen schweizerischen Bundesstaat, keine Eisenbahn, keine Fahrstrasse ins Entlebuch, die diese Bezeichnung verdient hätte, ganz zu schweigen von Telefon und Automobil. Und obwohl er in einer mittelständischen Familie aufwuchs, die zur lokalen Elite gehörte, kann man sich die Lebensverhältnisse seiner Jugendzeit im Vergleich zu heute kaum bescheiden genug vorstellen. Oder seine kurzen Studienjahre in Heidelberg und München – wie anders verläuft doch heute der berufliche Werdegang junger Männer und Frauen! Oder seine Kinderschar! Und die Rolle seiner Frau Philomena, einer wohl aussergewöhnlich starken Frau, die in den Quellen jedoch kaum erscheint! Da wirkt manches fern und fremd.

Als Josef Zemp 1908 starb, waren die politischen Institutionen des Bundesstaates fest etabliert, ein dichtes Schienennetz überzog unser Land, die ersten Autos verkehrten, das Telefon war im Begriff, zum Allgemeingut zu werden. Der Bundesrat aus der entlegenen und wirtschaftlich rückständigen Talschaft Entlebuch hatte diese bahnbrechenden Umwälzungen nicht nur erlebt, sondern ein gutes Stück weit selber mitgestaltet. Da rückt er zu uns Heutigen, die wir den Wandel zum Lebensprinzip erhoben haben, in nahe geistige Verwandtschaft. Dieser Mann war, trotz seiner wertkonservativen Grundhaltung, offen für neue Erkenntnisse, er war fähig und bereit, sich auf veränderte Situationen einzustellen, und er hat Neuerungen auch innerlich bejaht und durchgetragen.

Zu den Eindrücken der Ferne und der Nähe gesellt sich ein dritter: der Eindruck des Aussergewöhnlichen. Josef Zemps berufliche und politische Karriere mag sich zwar nicht allzu stark unterscheiden von den Lebensläufen anderer führender Politiker der katholischen Innerschweiz. Es lässt sich auch rational erklären, warum 1891 eben gerade nicht ein Vertreter der alten städtischen Eliten zum ersten katholisch-konservativen Bundesrat gewählt wurde. Dennoch erstaunt mich nach wie vor die Tatsache, dass damals mit Josef Zemp ausgerechnet die, gemessen an der Zahl der Bevölkerung und am wirtschaftlichen Erfolg, unbedeutende, immer wieder als „Armenhaus“ apostrophierte Bergregion Entlebuch zum Zuge kam. Ich schreibe dies nicht nur der politischen Konstellation, sondern auch den aussergewöhnlichen Qualitäten Josef Zemps zu: seiner erstaunlichen Schaffenskraft und seiner stattlichen Erscheinung, seinem verhaltenen Ehrgeiz und seinem Pflichtgefühl, seinem politischen Instinkt und seiner staatsmännischen Klugheit. Aussergewöhnlich für einen Bundesrat war zudem die geradezu biblisch anmutende Grossfamilie, die weitgehend im Entlebuch verwurzelt blieb, durch zahlreiche Nachkommenschaft die Erinnerung an den berühmten Vorfahren bewahrte und diese, manchmal schon fast als Legende, über Generationen weiter trug. So kann man wohl mit einigem Grund vom Phänomen Josef Zemp sprechen, einem Phänomen, das bis heute den Reiz des Besonderen nicht verloren hat.

Doch nicht allein das Aussergewöhnliche an Zemp interessiert mich. Aus seinem Leben und Wirken lese ich auch ein politisches Vermächtnis ab, dem ich mich verbunden fühle. Bundesrat Josef Zemp war dem Allgemeinwohl verpflichtet, und zwar in aller Konsequenz. Unser Verständnis vom guten Staat schliesst primär die Erwartung ein, dieser habe mit aller Kraft die ausgleichende Gerechtigkeit zu gewährleisten. Jeder soll sich darauf verlassen können, dass der Staat zum Guten verhilft und das Schlechte abwendet. Regierungsmitglieder haben diesem Bürgeranspruch alles andere unterzuordnen. Weder Partei- noch Verbandsinteressen und noch viel weniger persönliche Vorteile dürfen diesen Grundsatz aushöhlen. Ebenso stossend ist es, wenn sich Regierungsmitglieder zu Marketing-Instrumenten ihrer Parteien oder irgendwelcher Interessengruppen degradieren lassen.

Mich beeindruckt in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Josef Zemp schon als Nationalrat eine Unvereinbarkeit seines Amtes mit dem Mandat eines Verwaltungsrats der Centralbahn erkannte und entsprechende Konsequenzen zog. Als Bundesrat nahm er bewusst nicht an Sitzungen „seiner“ katholisch-konservativen Fraktion teil. Nach reiflicher Überlegung verzichtete er 1903 auch auf eine Teilnahme am ersten schweizerischen Katholikentag in Luzern.

Durch diese sorgfältige Gestaltung seines Umgangs mit Wirtschaft, Partei und Kirche machte Josef Zemp deutlich, dass er, auch darin „ein Wegbereiter der Konkordanz“ (Urs Altermatt), seine unparteiische und unvoreingenommene Position als Bundesrat und Regierungsmitglied nicht schmälern wollte. Allerdings vertrat er weiterhin die Grundwerte seiner Partei und Konfession, sie waren für ihn wichtige Inspirationsquelle. Er blieb also sich selber treu und nahm auf diesem Fundament seine Aufgabe unbeirrt und überzeugt wahr. Das ist gradlinige und glaubwürdige Politik. Seine Art mit seiner schwierigen Aufgabe umzugehen, dabei möglichst unabhängig zu bleiben und seine Herkunft und sein Fundament trotzdem nicht zu verleugnen, betrachte ich als vorbildlich.

Das Post- und Eisenbahndepartement, dem Josef Zemp während rund 15 Jahren vorstand, verkörperte damals geradezu den technischen Fortschritt in den Bereichen Mobilität und Kommunikation. Sie sind auch heute noch Motoren des gesellschaftlichen Wandels. Heute wie damals stellt sich die Frage, wer die Verantwortung für den Betrieb, die Sicherheit und die Weiterentwicklung der grossen Verkehrs-, Energie- und Kommunikationsanlagen zu tragen habe. Soll es der Staat sein, oder kann man diese Einrichtungen wie Güter des täglichen Bedarfs der Privatwirtschaft überlassen? Oder bürgen gemischtwirtschaftliche Trägerschaften am besten für langfristigen Erfolg? Public Privat Partnership gilt gegenwärtig vielerorts als Erfolgsrezept.

Josef Zemp war im Laufe seines Politikerlebens mit solchen Fragen immer wieder ganz direkt konfrontiert. Bei den Eisenbahnen trat er lange Zeit für dezentrale und private Lösungen ein, bis ihn nicht nur die politischen Kräfteverhältnisse, sondern auch schlechte Erfahrungen und die Einsicht, dass das bestehende System den hohen Ansprüchen des neuen Verkehrsträgers nicht genügte, zum Undenken zwangen. Auch wenn sich die technischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unserer Verkehrs- und Kommunikationssysteme inzwischen tiefgreifend verändert haben, geht es bei der Wahl und Ausgestaltung der angemessenen, „richtigen“ Trägerschaft um ähnliche Grundfragen wie vor hundert Jahren. Und darauf die „richtige“ Antwort zu geben, ist auch nicht einfacher geworden.

Eines steht für mich allerdings fest: Das gängige und von Wirtschaftskreisen liebevoll gepflegte Klischee, dass private Unternehmungen anspruchsvolle Aufgaben ohnehin besser und preisgünstiger zu erfüllen vermögen, ist unzutreffend. Bei so komplexen und lebenswichtigen Systemen wie dem öffentlichen Verkehr, der Telekommunikation oder der Stromversorgung gelten für die institutionelle Absicherung andere und höhere Anforderungen. Wir dürfen wertvolle Errungenschaften wie den Service publique nicht leichtfertig aufs Spiel der Marktkräfte setzen. Gut hundert Jahre nach dem von Josef Zemp geleiteten Rückkauf der Bahnen durch den Bund erleben wir auf drastische Art und Weise das Versagen privatwirtschaftlicher Konzerne und Finanzsysteme – mit verheerenden Folgen. Sie mahnen zur Vorsicht und zu klugem Abwägen bei der Rollenverteilung zwischen Staat und privaten Unternehmungen.

Josef Zemp war ein Kind des 19. Jahrhunderts, und er war ein Kind vom Lande. Seine Heimat Entlebuch gilt bis heute als Randregion, obwohl sie ungleich viel besser erschlossen ist als damals. In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben sich im Entlebuch, dank eigenen Anstrengungen, unterstützt von Kanton und Bund, die Lebensbedingungen markant verbessert. Als erste Unesco-Biosphäre der Schweiz hat die Talschaft sogar ganz bemerkenswerte Pionierarbeit geleistet. Trotz diesen Erfolgen sind im Entlebuch wie auch in andern Regionen unseres Kantons Befürchtungen spürbar, das „Zentrum“, Stadt und Agglomerationen, liessen das „Land am Rand“ fallen. Tatsächlich wird die regional und sozialpolitische Ausgleichsfunktion des Staates nicht mehr überall gleich gut verstanden und ernst genommen. Die dadurch angeheizte Diskussion der regionalpolitischen Ziele und Instrumente kann durchaus nützlich sein und neue Ideen fördern. Das Prinzip des Ausgleichs jedoch steht nicht zur Disposition. Die „Peripherie“ wird zurzeit ohnehin unterschätzt. Dabei haben Gründergeist und Unternehmertum ebenso wie politisches Engagement ihre Wurzeln nicht selten im ländlichen Raum – heute wie damals, als Josef Zemp mit der Dampfeisenbahn täglich von Entlebuch nach Luzern fuhr, um als gesuchter Anwalt und viel beschäftigter Grossrat in der Stadt seiner Arbeit nachzugehen.

Über Instrumente des Ausgleichs und der Förderung und über die rechtliche Ausgestaltung von Trägerschaften lässt sich diskutieren. Entscheidend scheint mir dabei zu sein, dass der Staat auch in Zukunft als verlässlichster Partner der Bürgerinnen und Bürger gilt und dass er in der Lage ist, seine Verantwortung auch wirklich wahrzunehmen. Das kann er nur, wenn seine Repräsentanten – im Sinne Zemps – gewillt sind, mein Wohl vom Allgemeinwohl zu trennen. Das ist es, was von Josef Zemp, einem glaubwürdigen Mann des Ausgleichs, hoffentlich noch lange bleiben wird.


Anton Schwingruber, Werthenstein, ist seit 1995 Regierungsrat des Kantons Luzern. Er steht dem Bildungs- und Kulturdepartement vor.