Volksverbunden und führungsstark

Josef Zemp als Grossrat, Parteiexponent und Rechtsanwalt

Kurzreferat von Dr. Anton Schwingruber, Regierungsrat, Werthenstein, anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 100. Todestag

Entlebuch, 8. Dezember 2008

Bei aller Würde der Erscheinung war Josef Zemp, so wird berichtet, ein Mann des Volkes. Und er redete auch die Sprache des Volkes. Deshalb drängt sich die Mundart fast auf, wenn ich hier über den volksverbundenen Josef Zemp zu sprechen habe.

„Bundesrat Zemp“, das war für mich von Kindsbeinen an ein Begriff. Aber wirklich mit ihm beschäftigt habe ich mich erstmals vor 17 Jahren, als wir uns hier in Entlebuch in einer schönen Feier an seine historisch bedeutsame Wahl in den Bundesrat erinnerten. In den letzten Monaten war ich in Gedanken erneut mehr als sonst bei diesem grossen Sohn des Entlebuchs. Und wie immer, wenn ich mich auf Geschichtspfaden bewege, wechseln Empfindungen der Nähe und der Ferne in rascher Folge ab. Eine Familie mit 15 Kindern, die geliebte Ehefrau in der Anonymität einer politisch rechtlosen Statistin „versenkt“, die mühsamen Reisen zwischen Entlebuch, Luzern und Bern, zuerst mit Ross und Wagen, später mit der russigen Dampfeisenbahn; das Durchhalten im Amt trotz zunehmender Altersbeschwerden – das sind Rahmenbedingungen einer Politikerlaufbahn, wie wir sie uns heute doch kaum mehr vorstellen können. Auf der anderen Seite gibt es Züge bei Josef Zemp, die mir ganz vertraut erscheinen: sein vorbehaltloses Einstehen für das Allgemeinwohl, seine Treue zu den christlichen Grundwerten und nicht zuletzt seine Verbundenheit mit der engeren Heimat.

„In Entlebuch, dem allerliebsten Ort auf Gottes Erdboden, will ich bleiben“, schrieb Josef Zemp kurz vor Studienabschluss einem guten Freund. Und als er zwei Tage nach seiner Wahl in den Bundesrat von seinen Entlebucher Mitbürgern in seinem Heiamtort festlich empfangen wurde, beteuerte er: „Hier ist die starke Wurzel meiner Kraft, und mag ich auch äusserlich von Euch getrennt werden, innerlich, im Geiste werde ich immer bei Euch bleiben.“

Das war 1891, und der neu gewählte Bundesrat war immer auch noch gewähltes Mitglied des Luzerner Grossen Rates. Seit 1863 gehörte er dem Kantonsparlament an und zählte dort während mehr als zwei Jahrzehnten zu den starken Männern. Sein Wirken auf Bundesebene hat in der späteren öffentlichen Wahrnehmung seine Rolle in der Kantonspolitik völlig in den Hintergrund gedrängt. Zu Unrecht, denn der Grosse Rat war für ihn viel mehr als nur eine Spielwiese, wo ein ehrgeiziger Karrieremacher seine Sporen abverdient. Offensichtlich lag Josef Zemp auch viel an diesem Mandat. Als nämlich nach Mitte der Siebzigerjahre seine berufliche Last – von den familiären Pflichten schweigen die Quellen, aber vielleicht haben sie auch mitgespielt – zu drückend wurde, verzichtete er (für fünf Jahre) auf den Sitz im Nationalrat, behielt aber sein Grossratsmandat. Man darf in guten Treuen annehmen, dass ihm damals der Kanton nicht nur geografisch, sondern auch mental näher lag als Bundesbern.

Nur zu gerne würde ich mich jetzt zurückversetzen ins Jahr 1863 und in die Entlebucher Pfarrkirche, wo sich am 3. Mai, mittags ein Uhr, mehr als 800 Bürger der Gemeinden Entlebuch, Hasle, Romoos und Doppleschwand zur Grossrats-Wahlversammlung eingefunden hatten. Neben vier Bisherigen wurde der junge Fürsprech Zemp mit 829 von 853 Stimmen als einziger „Neuer“ gewählt. Das war der Auftakt zu einer Laufbahn, die niemand auch nur erahnen konnte. Auch Josef Zemp nicht, hatte er doch kurz zuvor im Freundeskreis selber noch Zweifel darüber geäussert, ob er wirklich zum Politiker berufen sei: „Das hab ich mir als leitenden Gedanken längst in das Bewusstsein geführt, dass mir kein politischer Name bevorsteht. Dafür bin ich nicht begabt…Ich wünsche nichts so sehr, als dass ich in meiner Ehrgeizlosigkeit mich halten könne. Noch einmal, frei und unabhängig will ich sein.“

Aber eben. Es kam ganz anders. Kaum in den Grossen Rat gewählt, wo damals noch die Liberalen das Sagen hatten, fiel er rasch auf „durch seine Rednerbegabung, seine Detailkenntnisse auf vielen Sachgebieten und das klare juristische Wissen“ (Roman Bussmann). Und dies zu einer Zeit, als dort Koryphäen wie Kasimir Pfyffer und Philipp Anton von Segesser den Ton angaben. Schon bald vertraute man Josef Zemp den Vorsitz von Kommissionen an, und als Vertreter einer neuen, jungen Generation von nicht-städtischen Konservativen verschaffte er sich und der Minderheit im Rat Gehör mit markanten Voten. Politisch bedeutsam und erfolgreich war die Motion, die er 1868 zusammen mit Julius Schnyder einreichte. Die beiden verlangten über eine Teilrevision der Staatsverfassung ein demokratischer ausgestaltetes Wahlsystem, ein verbessertes Referendumsrecht sowie die Abtretung der Pfarrwahlrechte und der Lehrerwahlen an die Gemeinden. Die Motion fand im Grossen Rat eine klare Mehrheit, ebenso die weitgehend entsprechende Verfassungsvorlage beim Volk. Das Amt Entlebuch scherte allerdings aus und verwarf deutlich – mit Ausnahme der Gemeinde Entlebuch. Bravo! Es war übrigens nicht das einzige Mal, dass Josef Zemp in wichtigen Volksabstimmungen auf seine Heimatgemeinde zählen konnte. Die von Zemp und Schnyder angeregte Teilrevision der Verfassung verhalf mit Art. 21 einem politischen Grundsatz von entscheidender Bedeutung zum Durchbruch, dem wir bis heute nachleben: „Bei Bestellung der obersten Verwaltungsbehörden und der Grossratskommissionen ist im allgemeinen auf Vertretung der Minderheit billige Rücksicht zu nehmen.“

Mit der Motion Zemp-Schnyder war die Wende von 1871 eingeläutet. Unmittelbar nach dem 71er-Umschwung, den Zemp eifrig betrieben und unterstützt hatte, wählte der jetzt mehrheitlich konservative Grosse Rat den jungen Entlebucher zu seinem Präsidenten. Diese Ehre wurde ihm in den nächsten 20 Jahren noch dreimal zuteil. (Eine Wahl in den Regierungsrat hatte er 1871 hartnäckig ausgeschlagen.) Es besteht kein Zweifel: Josef Zemp gehörte im Luzerner Kantonsparlament zu den führenden Köpfen, und er behielt diese Stellung bis zu seiner Wahl in den Bundesrat und dem damit verbundenen Wegzug nach Bern.

Als Bundesrat stand Josef Zemp über den politischen Parteien, wie er es bei seiner Wahlannahme denkwürdig versprochen hatte, als er sagte: „…Damit verbinde ich die Erklärung – und ich setze hiebei die Zustimmung meiner politischen Freunde voraus – dass die Meinung mir ferne liegt, dass ich im neuen Amte mich in den Dienst einer Partei zu stellen habe. Nein, meine Aufgabe wird vielmehr sein, unter Zurateziehung auch derjenigen Gesichtspunkte, welche meine Gesinnungsgenossen je und je als massgebend erachten, mich auf die höhere Warte zu begeben an die Seite meiner dereinstigen Kollegen, um, so viel an mir liegt und meine Kräfte es erlauben, die gesamten Interessen der Eidgenossen und aller Landesteile und des gesamten Vaterlandes gleichmässig wahrzunehmen und zu verwalten. Das ist das einzige Programm, zu dem ich mich heute bekenne.“

Josef Zemp machte also einen ganz klaren Schnitt zwischen Vorher und Nachher. Als kantonaler und eidgenössischer Parlamentarier zählte er sich vorbehaltlos zur katholisch-konservativen Bewegung, ja, er war massgeblich beteiligt an der Stärkung der Partei- und Fraktionsstrukturen auf kantonaler und eidgenössischer Ebene. Er trat schon in jungen Jahren bei grossen Volksversammlungen, welche die Konservativen organisierten, als Redner auf. Im entscheidenden Wahlkampf von 1871 fungierte er als verlängerter Arm des sogenannten „Surseer Generalstabs“, der die konservative Kampagne leitete.

Ende der Siebzigerjahre wurde Zemp zum massgeblichen Promotor einer landesweiten Sammlung der konservativen Kräfte, die nach seiner Meinung bis jetzt allzu sehr in einem blockierenden „Kantonalismus“ verharrten. Das Projekt, eine Konservative Union zu gründen, kam allerdings nicht über ein kurzes Versuchsstadium hinaus und scheiterte. Erfolgreicher war Josef Zemp in seinen Bemühungen, den bisher eher lockeren Klub der konservativen National- und Ständeräte zu einer aktionsfähigen Fraktion umzuformen. Von 1881 – 1885 leitete Nationalrat Zemp die konservative Fraktion. Diese war damals auf eidgenössischer Ebene das wichtigste Führungsinstrument katholisch-konservativer Politik und hatte auch in den grossen Abstimmungskämpfen der Achtzigerjahre – unter anderem ging es um den „eidgenössischen Schulvogt“ – eine Hauptrolle zu spielen.

Gerade als Parteimann war Josef Zemp auch eine Kämpfernatur. Er nahm den Kompromiss nicht vorweg, sondern er erkämpfte zuerst eine genügend starke Ausgangslage für einen tragfähigen Konsens. Da konnte er durchaus auch auf die Pauke hauen, Gas geben und dem politischen Gegner an den Karren fahren – was ihm diese nur zu gerne verübelten. Eine liberale Flugschrift apostrophierte ihn noch Anfang 1891 als kantigen „Landfürsprech“ und „Musterdemokrat“, und selbst im Nachruf des „Luzerner Tagblatts“ auf den verstorbenen Bundesrat ist noch ein Nachbeben der alten Zwiste zu spüren: „Der Tod löscht alte Rechnungen aus. Was der Parteimann Böses zugefügt haben mag im politischen Kampfe, das hat der Staatsmann durch Treue und Eifer im Dienste des Landes wettgemacht“, schrieb das Leibblatt der Luzerner Liberalen halb anerkennend, halb hadernd, und wurde wenige Zeilen weiter unten noch viel deutlicher.

Als Rechtsanwalt kannte Josef Zemp die Spielregeln von Rede und Widerrede, er wusste mit der Macht der Worte umzugehen. Und er war alles andere als ein „Winkeladvokat“ oder „Landfürsprech“. Nach einem heute unvorstellbar kurzen, aber offenbar höchst erfolgreichen Rechtsstudium an ausländischen Universitäten eröffnete Josef Zemp zwar ganz bescheiden seine Praxis daheim in Entlebuch. Aber es dauerte nicht lange, bis er „expandierte“ und ein Büro auch in der Stadt führte. Seit der Eröffnung der Bahnlinie Luzern-Langnau-Bern 1875 war Josef Zemp ein richtiger Pendler, der morgens sehr zeitig in Entlebuch den Bummelzug bestieg und abends spät aus der Hauptstadt zurückkehrte. Das Mittagessen habe er oft ausgelassen.

„Er war rasch einer der gesuchtesten und angesehensten Anwälte der Schweiz geworden“, berichtet sein Biograf Josef Winiger. Dabei entwickelte er sich unter anderem zum Spezialisten für Eisenbahnrecht, was ihm später als Chef des Post- und Eisenbahndepartements sehr zugute kam. Er vertrat beispielsweise Obligationäre in einem Prozess gegen die Nordostbahn. In diesem Zusammenhang rühmte eine Zeitung im Kanton Zürich Zemps Klageschrift als „juristisches Meisterstück, welches sich unsere Zürcher Advokaten zum Muster nehmen sollten“. Die Lorbeeren aus dem grossen Wirtschaftskanton für den jungen Anwalt aus dem ländlichen Entlebuch machen bis heute Freude. Während rund zehn Jahren gehörte Josef Zemp dem Verwaltungsrat der Zentralbahnen an. Ein halbes Jahr vor der ersten Volksabstimmung von 1891 über die Verstaatlichung der Eisenbahnen – Josef Zemp zählte damals noch zu den erklärten Gegnern des Rückkaufs – verzichtete er auf sein Verwaltungsratsmandat, um eine Interessenkollision zu vermeiden und seine Unabhängigkeit zu wahren.

Ich fasse zusammen:

Nicht nur als Bundesrat, sondern auch als Mitglied des Grossen Rates des Kantons Luzern, als Parteiexponent und als Rechtsanwalt hat Josef Zemp überdurchschnittlich viel und Grosses geleistet. Er war nicht immer und in allem erfolgreich. Er hatte Ecken und Kanten, er hatte auch Schwächen. Doch dank seiner enormen Schaffenskraft, seiner Offenheit für Neues und seiner Bereitschaft zur Konsenslösung vermochte er viel und viel Wertvolles zu bewirken.

  • Er war ein Mann des Volkes, aber kein Volkstribun.
  • Er hatte Prinzipien, war aber kein dogmatischer Scharfmacher.
  • Er war ein Mann des Ausgleichs, aber kein Leisetreter.
  • „Zemp ging mit der Zeit, ohne sich ständig nach dem ‚Zeitgeist’ zu richten“, so drückte es die Historikerin Roswitha Feusi Widmer einmal aus.

Ob wir fähig sind, aus der Geschichte zu lernen, wird immer wieder bezweifelt. Dass wir von Josef Zemp lernen können, davon bin ich hingegen felsenfest überzeugt.