Kundgebung vom 9. März 2014 in St. Gallen

Statement von Dr. Anton Schwingruber, ehemaliger Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Luzern.

Liebe Kundgebungsteilnehmerinnen und – teilnehmer, die offenbar noch an eine glaubwürdige und befreiende kath. Kirche glauben (sonst wären Sie nicht hier). Ich versuche, über

Die gesellschaftliche Relevanz der Kirche

folgendes zu sagen:

Kirchen und kirchliche Institutionen haben eine enorme Relevanz

Kirchen sind nicht Steine, Kirchen haben Beine! Will heissen: Es geht um Menschen. Kirchen müssen menschendienlich sein. Uns bei der Suche nach dem Sinn unseres Daseins Hilfen anbieten, uns in Leiden und Freuden begleiten, uns zu einem menschenwürdigeren, glücklichen, freien Leben verhelfen. Das kann der Staat allein nicht. Da halte ich mich an den Verfassungsrechtler Ernst Wolfgang Böckenförde, der nachvollziehbar gesagt hat, dass „der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selber nicht garantieren kann“- Es geht dabei um die moralische Instanz, die ethische Prägekraft auf die der Staat angewiesen ist, um ein friedliches Zusammenleben in Freiheit zu ermöglichen. Es sind denn auch hunderttausende von Menschen, die sich in Kirchen und vor allem auch kirchlichen und kirchennahen Institutionen für ein besseres Leben der Mitmenschen engagieren. Ich denke dabei an all die Kirchenräte, Pfarreiräte, die kirchlichen Arbeitsgruppen, Besuchsdienste, kirchenfundierten Jugendverbände und die karitativen Institutionen wie Caritas und HEKS. Wie arm wären wir ohne das (meist ehrenamtliche) Engagement dieser unzähligen Männer und Frauen und Jugendlichen (75 % der Freiwilligen sind Frauen!!). Sie helfen, was zweifellos auch ihnen hilft, denn Gutes tun, tut auch gut. Aber das schmälert ihr Wirken nicht. Der Staat hat allen Grund, die staatskirchenrechtlichen Strukturen zu stützen, ohne dabei die Religionsfreiheit zu tangieren. Staat und Kirche müssen eigenständig sein und bleiben. Wir wollen weder einen Gottesstaat noch ein totalitäres Staatssystem. Unabhängigkeit und klare Trennung von Staat und Kirche bedeutet auch, sich gegenseitig zu akzeptieren, zu stützen und –warum nicht- voneinander zu lernen. Und von beiden Seiten ist Sorge zu tragen zu einem guten Verhältnis zueinander, welches dem Wohl der ganzen Gesellschaft dienen soll. Dazu gehört auch der Religionsfriede! Es gilt, alles zu tun, was dem Religionsfrieden dient und alles zu unterlassen, was ihn gefährdet. (Das ist das einzige Kriterium, das es den staatlichen Standesvertretern des Bistums Basel erlaubt, einen „nicht genehmen“ Bischofskandidaten zu streichen!)

Nicht eine andere Kirche, aber die Kirche anders

Sowohl Regierende, wie kirchliche Würdenträger müssen Diener des Volkes sein. Das allein legitimiert sie zu hoheitlichem Handeln. Demokratie besagt, dass die Macht beim Volk liegt. Unter Kirche verstehe ich ebenfalls das Gottesvolk, wie das die Bischöfe im Aufruf zum Beginn des Jubiläums 50 Jahre Vatikanisches Konzil (2012 – 2015 S 5) formulieren, nämlich dass„ die Geweihten nicht die Herren, sondern die Diener des Volkes Gottes (sind), in dem eine lebendige Gemeinschaft und Kollegialität entstehen soll“. Lebendig kann diese Gemeinschaft nur sein, wenn das Volk nicht nur mitwirken, sondern auch mitbestimmen kann.

In seinem ersten Lehrschreiben Evangelii gaudium (Verkündigung des Evangeliums )schreibt der Papst unter dem bemerkenswerten Titel „Eine unaufschiebbare kirchliche Erneuerung“ vorerst, dass die „Pfarrei keine hinfällige Struktur“ sei, vor allem, wenn „sie wirklich in Kontakt mit den Familien und dem Leben steht und nicht eine weitschweifige, von den Leuten getrennte Struktur oder eine Gruppe von Auserwählten wird, die sich selbst betrachten“!! In Ziff. 29 führt er aus: „Die andern kirchlichen Einrichtungen, Basisgemeinden und kleinen Gemeinschaften, Bewegungen und andern Formen von Vereinigungen sind ein Reichtum der Kirche, den der Geist erweckt, um alle Umfelder und Bereiche zu evangelisieren“. Weiter an die Adresse der Bischöfe schreibt der Papst, der Bischof müsse alle anhören „und nicht nur einige, die ihm Komplimente machen“ (Ziff. 31) und schlussendlich denkt er als Bischof von Rom (!)sogar über eine Neuausrichtung des Papsttums nach (Ziff 32). Das bequeme pastorale Kriterium des „Es wurde immer so gemacht“ sei aufzugeben und er lädt „alle ein, wagemutig und kreativ zu sein in dieser Aufgabe, die Ziele, die Strukturen, den Stil und die Evangelisierungs-Methoden der eigenen Gemeinden zu überdenken“. (Ziff 33).

Also, warum nicht ein bisschen von den staatlichen Strukturen und Abläufen lernen? Zum Beispiel von den demokratischen Prozessen, der geschlechtsneutralen Gleichberechtigung, der vollen Transparenz in den Verfahren oder auch vom Föderalismusgedanken, dass eben nicht alles überall gleich gemacht werden muss. In diesem Sinne wünsche ich mir nicht eine andere Kirche, aber die Kirche anders.